Sackgassen sind zum Umkehren da. Wohl waren auch die Temples, bisherige Vorreiter für Retro-Psychedelic-Rock in so einer Sackgasse angelangt, denn „Bliss“, das fünfte Album der Band aus Großbritannien, ist ein markanter Stilwechsel.
Deutlich elektronischer, ja tanzbarer Dance-Sound findet sich auf dem Album, das nach wie vor die Temples DNA trägt, wenn auch mit deutlich mehr Indie-Einflüssen und modernerer Produktion.
Schon der von orientalischen Samples getragene Opener „Jet Stream Heart“ atmet clubtaugliche Elektronik und James Bagshaws hypnotisch eingängigen Gesang mit jedem Beat ein, wie es auch das sakrale „Revelations“ tut.
Das klingt mit seinen Halleffekten nach Enigma und wurstelt sich doch irgendwie als indieeske Version von Erasure und den Pet Shop Boys durch die Musikwelt.
Wer die alten Temples vermisst, bekommt mit „Megalith“ eine moderne Variante Ihres 2014er Debüts „Sun Structures“ präsentiert. Temporeduziert und auf buzzende Riffs konzentriert, wummert der Titel mit Bagshaws hellem Gesang eindringlich durch den Club, den wenig später „Vendetta“ zum Brennen bringt.
Synthesizer-Gloria auf Ibiza-Dancebeats trifft hier auf Gitarrenriffs, die Körper in Bewegung versetzen und einen hymnischen Refrain begrüßen.
„Glimmer“ mausert sich mit zunehmender Spieldauer von einem drögen, elektrolastigen, durch Bagshaws Lyrics getragenen Song zu einem Indie-Rock-Banger, dem seine liebesschwangeren Texte von Tagen in Saint-Tropez schon fast im Wege stehen.
Bleiben wir bei dröge. Träge spielt sich „Blue Flame“ tranceartig und temporeduziert ins Abseits, allerdings folgt etwas später mit „Jaguar“ ein Album-Highlight:
Der Einstand ist elektronisch, sphärisch erinnert es an Massive Attack und mit Bagshaws fließendem Gesang kommen auch Radiohead als Referenz ins Spiel. Hypnotisch schwer zu fassen, dringen die Synthesizer tief ins Gehör und vermählen sich dort mit dem Beatkonstrukt. So wird „Jaguar“ zur Zeitreise in die 90er, der man nicht entkommen mag.
Danach verlieren sich die Temples im gepitchten Gesang von „Horizon“ und seiner bedeutungslosen Tanzbarkeit, die auch „Waiting On The Echoes“ mit hallenden Synthies umhüllt.
Abschließend tastet sich das „Fantasy Realm“ düster durch die Realität des neuen Klanggewands der Temples. Die Rhythmik industriell blechern, doch tanzbar und irgendwie ein Fall für die Pfandrückgabe.
„Bliss“ mag eine Neuausrichtung der Temples sein. Vielleicht auch nur eine Verneigung vor großen britischen Künstlern wie Massive Attack, Portishead und Co. Nur wirkt das Album über lange Strecken zu uninspiriert und vermag nur zweimal wirklich das Beste aus den neuen Klangwelten herausholen.
Hoffen wir, dass die Temples weiter experimentieren und neue Klangwelten beschreiten, ohne eine weitere Sackgasse vorzufinden.
