Seit 2017 kämpft sich die spanisch-kanarische Musikproduzentin Indira Paganotto vom Untergrund in die Spitzen der internationalen DJ-Rankings und Festival-Line-ups hoch. Spätestens seit der Gründung ihres eigenen Labels ARTCORE im Jahr 2022 wird sie als absolute Durchstarterin gehandelt. Da wird es auch mal Zeit für ein Debütalbum!
Ob dem Langspielformat in der EDM-Szene überhaupt (noch) eine besondere Relevanz beigemessen werden kann, soll an dieser Stelle unbeantwortet bleiben. Unbestritten taugt das Erstlingswerk „Arte Como Amante“ jedoch zumindest als Meilenstein oder Karriere-Geste. Ganz nach dem Motto: „Das Gaspedal liegt bereits am Anschlag, aber man kann trotzdem noch einen Stein drauflegen.“
In diesem Fall kommt der Stein in Form von 12 Songs, auf denen Paganotto die gesamte Bandbreite ihres Könnens kanalisiert. Das Meiste entspricht in der Grundfarbe einer Mischung aus Techno und Psytrance; die Trickkiste greift jedoch noch viel tiefer.
Theatralische japanische Dialoge, indischer Konnakol, Klänge von Koto und Flöten sowie diverse Sprachschnipsel verschwimmen im Gewaber zwischen Beats und Bässen. Jeder Song kann sich vor einem anderen, einzigartigen Klanghintergrund ausbreiten.
Der Titeltrack „Arte Como Amante“ wird zudem prominent unterstützt: Chic-Gitarrist Nile Rodgers steuert einige markante Funk-Gitarren bei. In Kombination mit flamenco-ähnlichen Zwischenrufen vereint der Song nicht nur das Wesen zweier grundverschiedener Künstler*innen, sondern spätestens mit dem Drop auch Paganottos Wurzeln mit allem, was die Musikerin heute ausmacht.
Der Rest der Titelliste läuft durch wie ein Querschnitt über alle Nebenbühnen des Tomorrowland-Festivals. In seiner Gesamtheit würde die sich aber auch gut für einen closer slot auf deren Hauptbühne eignen.
Von cinematischen Setstartern („Sweet Tempest“) über Downtempo-Techno-Nummern zum Luftholen oder langsamen Mitschreiten („Momento“) bis hin zu harten Breakbeats („La Patrona“) wird jeder Geschmack bedient. „Arte Como Amante“ ist der Ausdruck eines vielfältigen und doch abgerundeten Stils.
Indira Paganotto liefert melodische Erweiterungen für jede Setliste – und ein Debüt, das auch auf eigenen Beinen einen stabilen Rave tragen könnte. Da fühlt es sich umso frevelhafter an, das Album nur über die heimischen Laptop-Lautsprecher anzuhören.
