Morrissey zählt zweifellos zu den Bühnenfiguren, bei denen man sich die leidliche Frage stellen muss, ob Künstler und Kunst voneinander trennbar sind. Der Weltklasse-Sänger hatte sicher schon zu Zeiten von The Smiths einen gewissen Reiz aus einer Ambivalenz und Polarisation gezogen.

Spätestens seit dem zweiten Teil seiner Solokarriere kippte das Ganze, vor dem Hintergrund seiner Nähe zu Brexit-Befürwortern, seiner offenen Abneigung gegen die EU und einer ausgeprägten Islamophobie, allerdings ins Befremdliche. Es hat ihn einige Fans gekostet, und denen die geblieben sind vieles abverlangt.

Würde er gestern in der gut besuchten Frankfurter Jahrhunderthalle, kurz vor dem Release seines nunmehr 14. Soloalbums, musikalisch versöhnen können, was er zwischen den Songs Gefahr läuft zu ruinieren? Die Antwort lautet jein.

Morrissey betritt die Bühne und wirkt unmittelbar wie das Überbleibsel aus einer Epoche, in der Popstars noch literarische Figuren sein durften. Dieses Gefühl schleicht sich im ganzen Set immer wieder zwischen seine Zeilen, die er sauber artikuliert wie ein Poet.

Er selbst ist es, der an dritter Stelle den Bogen zu den Literaten schlägt: „This song was written in 1984. Now we live in 1984. Thank you George Orwell“. Zum ersten Mal feiert ihn die Menge mit frenetischem Applaus, als daraufhin die ersten Töne des The-Smiths-Klassikers „How Soon Is Now“ erklingen.

Da ist längst klar, dass Morrisseys Stimme — dieses nasal vibrierende Parlando zwischen Wehklage und Ironie — nichts an Schärfe verloren hat. Sie trägt noch immer jene Mischung aus moralischer Empörung und romantischer Verletzlichkeit, die schon in den Achtzigern den Kanon der Indie-Melancholie definierte.

Danach folgen die ersten heiklen Momente, als besondere Aufmerksamkeit auf den Songs des neuen Albums liegt, das mit reichlich Paris-Bezügen daherkommt. Verweise auf Pigalle, Montmartre und „Notre-Dame“. Im vorab veröffentlichten, gleichnamigen Song schiebt er den Brand in der Kathedrale einem islamistischen Terrorakt in die Schuhe. Dass das Stück beim Publikum nicht so gut ankommt, kommentiert er nur zynisch mit „Beware I’m damaged“.

Kurze Zeit später kündigt er „Worldpeace Is None Of Your Business“ mit den Worten: „This is my life and I decide what the truth is“ an, was in diesem Wortlauf problemlos von Trump und dessen Stiefelleckern kommen könnte. Dabei agitiert er in dem Stück doch gegen jenes politische Establishment, auf dessen Seite er sich dann bei der Brexitfrage schlug.

Da ist sie wieder diese Ambivalenz, die man nicht so recht zusammenkriegt. Auf der einen Seite stehen großartig gesungene Melodien, eine hervorragend klingende Band, die mit der ehemaligen Jeff-Beck-Gitarristin international hochkarätig besetzt ist und mit einem ein fantastisch Gesamtsound besticht. Gegenüberliegend streut die Lust an der unbedingten Provokation viel Salz in die Suppe.

Das bricht sich einmal mehr Bahn, als Morrissey in „I Will See You In Far Off Places“ die USA ersetzt und stattdessen singt: „And if the EU doesn’t bomb you“. Es sind diese Dinge, über die man leider schreiben muss, obwohl doch so viel mehr zu diskutieren wäre.

Darüber etwa, warum sein überragendes Comebackalbum „You Are The Quarry“ keinerlei Beachtung im Set findet. Ist es doch das letzte, das man vorbehaltlos hören konnte. Wie es dazu kam, dass ein unwahrscheinlicher The-Smiths-Song wie „A Rush And A Push And The Land Is Ours“ ins Set fand. Wie wunderbar seine frühen Solohits gealtert sind, allen voran „Everyday Is Like Sunday“ und „Suedehead“.

Und nicht zuletzt wie jemand, der einen solch unsterblichen Liebesbeweis wie „There Is A Light That Never Goes Out“ schreiben und noch immer mit voller Überzeugung als wunderbaren Schlussakkord singen – und gleichzeitig in seiner Haltung so daneben liegen kann.

Morrissey bleibt auf der einen Seite eine polarisierende Reizfigur und auf der anderen über jeden musikalischen Zweifel erhaben.

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