Yael Naim erwischte die letzten Tage vor der weltweiten Pandemie, um ihr zauberhaftes Album „Nightsongs“ unter die Leute zu bringen. Keine ihrer Platten war so intensiv, schon lange aber keine auch so erfolglos, was wohl viel mit dem Zeitpunkt zu tun hatte.

Mehr als zwei Jahre lang musste die Singer/Songwriterin warten, um jene „Nightsongs“ live aufzuführen, wovon das zarte Konzertalbum „Live In Paris“ (2022) kündete. Nach dem sphärischen Charakter des Studioalbums und dem behutsamen Vortrag auf der Live-Platte steigt die 47-Jährige jetzt auf „Solaire“ tief in dynamische Elektronik ein.

„Solaire“ zeichnet sich durch ein Hin und Her aus quirligen und kontemplativen Tracks aus. Damit grenzt sich das Album maximal vom konzepthaft homogenen Vorgänger ab, wie auch von den mit ihrem Partner David Donatien erschaffenen Alben wie „Older“ während der 2010er Jahre.

Teils klirren jetzt die Schläge aus der Drum-Machine knallhart, etwa in „Dream„, „Multicolor“ oder „Wow“. Anderswo verzichtet die Pariserin praktisch auf Beats, wie in „Rabbit Hole“, „Everything’s Gone“ oder im weich getupften „The Other Side“.

Mal verfremdet Yael ihre Stimme und bürstet diese gegen den Strich, wie in „Inouïe“, mal trägt Naim im Stile von Rap vor, wie sie es in „Multicolor“ und „La Fille Pas Cool“ macht, mal dehnt sich ihr Gesang in lang gezogenen flächigen Strecken so wie in „Rabbit Hole“.

Der Plattentitel umschreibt, anders als bei „Nightsongs“, eine vage Idee – „Solaire“ bezieht sich auf alles rund ums Sonnensystem. Doch auch die Songs auf „Solaire“ sind großenteils Lieder für die Nacht, was sich beispielsweise in Szenarien wie „When We Go To Bed“ zeigt.

„Solaire“, so behauptet die Plattenfirma Mouselephant, stehe als Wort sowohl für ein Versprechen wie auch ein „intensives Manifest“. Ganz klar ist zwar nicht, was damit gemeint ist, aber immerhin: Das Klangspektrum bietet eine akustische Umsetzung des Spiegelns und Brechens von Lichtstrahlen, wie man das etwa auch aus der elektronischen Musik Jean-Michel Jarres kennt.

Bereits in den „Nightsongs“ hatte Yael ihren Songwriter-Folk-Pop deutlich elektronisch unterlegt. Angesichts dessen, dass sie selbst schon lange nicht nur Pianistin, sondern auch Keyboarderin und Beatmaker ist, lag das nahe.

Nun nutzt sie diesen Elektro-Kontext mit gestalterischen Zügen von Art- und Ambient-Pop reichlich konsequent. Ihre akustische Seite habe sie als ausgelutscht empfunden, so Naim.

Gleichwohl es auf „Solaire“ statische Momente gibt, in denen (zu) wenig passiert, finden sich mehrere Meisterwerke unter den Tracks. So schießt der kristalline Gesang in „The Other Side“, verbunden mit den vielschichtigen Elektro-Schlangenlinien weit über das hinaus, was etwa Kolleginnen wie Lætitia Sadier oder Léonie Pernet zuletzt vorlegten.

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