Ich genieße es, zu tun, was ich möchte – Yael Naim im Interview

Anknüpfend an ihre „Nightsongs“ legt Yael Naim diese Woche ihr Album „Solaire“ vor. Seit sie mit dem Hit „New Soul“ unverhofft 2008 ihren Durchbruch erlebte, hat sich die Singer/Songwriterin stilistisch sehr gewandelt. Im Interview mit MusikBlog erzählt sie, wessen Musik in den letzten Jahren auf ihr eigenes Schaffen Einfluss nahm, wie sie sich elektronische Musik und Produktionstechniken zu eigen macht und was sie an französischen Frauen schon lange cool findet.

MusikBlog: Yael, „La Fille Pas Cool“ heißt einer der neuen Songs, „Multicolor“ (vielfarbig) ein anderer auf „Solaire“. Trägt das Mädchen, das nicht cool ist, viele Farben?

Yael Naim: Ich selbst litt lange darunter, cool sein zu wollen. Es gab eine geraume Zeit, in der ich mich deswegen sicherheitshalber schwarz angezogen habe. Da kann man keine Fehler bei der Farbkombination machen. Inzwischen, seit ich mich lustiger kleide, sagen mir die Leute, oh, du drückst etwas aus, dein Outfit sagt etwas. Ich genieße es, mich unkonventionell anzuziehen und zu tun, was immer ich möchte. Solange es mir ein gutes Gefühl gibt.

MusikBlog: Was empfiehlt der Song „La Fille Pas Cool“?

Yael Naim: Der Song befasst sich mit sozialer Zugehörigkeit. Er hinterfragt, ob unsere Umgebung uns darin bestärkt, dass wir wir selber sind. Oder ob wir den Druck fühlen, etwas vorzutäuschen, um einem Code zu entsprechen, sich innerhalb eines bestimmten Codes zu kleiden und zu verhalten.

MusikBlog: Nun gibt es ja bis heute Dresscodes, die Geschlechterrollen prägen, einschließlich Zuweisungen wie pink und rosa zu Frauen. Du weißt das als Tochter eines Betreibers von Bekleidungsgeschäften von Kindesbeinen an. Wann wurde es dir erstmals bewusst?

Yael Naim: Mit 10 Jahren, als ich Klavier zu lernen begann und als ich den Film „Amadeus“ sah und in mir der Wunsch aufkam, Musikerin zu werden. Es war ziemlich unbewusst. Ich habe beobachtet, wie alle Frauen in Israel im Umfeld meiner Mutter heirateten und einfach nur ‚Mums‘ wurden und es das gewesen ist. Ich sah keine Frauen, die eine große Karriere mit Geschäftsreisen machten und ihr eigener Boss waren. Entsprechend prägte das mein erstes Bild von der Gesellschaft: Frauen, die von Beruf Mütter waren.

MusikBlog: Wie konntest du das aufbrechen?

Yael Naim: Als Teenager habe ich erkannt, dass es Künstler*innen gab, die Frauen waren. Aber ich entdeckte auch die Dramen dahinter. Weibliche Künstlerinnen hatten kein glückliches Privatleben. Somit zog ich den Schluss, eine Ausgewogenheit zwischen den Polen ‚gute Mutter‘ und ‚freie, tourende Künstlerin‘ sei nicht möglich. Um mich also der Kunst hinzugeben, würde ich mich entscheiden müssen, so nahm ich an. Leute sprachen mich auch auf meine Pläne an und redeten mir ins Gewissen, Künstlerinnen würden ja wenig verdienen, bla bla.

MusikBlog: Aber das hat dich nicht vom Singen abgeschreckt?

Yael Naim: Nun, ich habe gelernt, dass ich damit keine gute Mutter würde werden können, aber ich dachte, dass es schon genügend Mütter und Ehefrauen auf der Welt gäbe, nicht aber genügend Künstlerinnen. Als ich nach Paris gezogen bin und dort eine neue Generation von Frauen in dieser kosmopolitischen Stadt traf, erst da stieß ich auf andere Frauen, die Kinder hatten und keineswegs so ein traditionelles Leben wie in Israel führten. In Paris habe ich gesehen, wie sie auch privat weiter abends ausgingen, Babysitter organisierten und sich um ihr Gleichgewicht im Leben kümmerten. Erst in Paris fand ich also Rollenmodelle, die mir das Dasein als Künstlerin vorstellbar machten.

MusikBlog: Wie spiegelt sich dieser Entwicklungsprozess auf deiner neuen Platte?

Yael Naim: Ich habe genau dieses Thema fremder Erwartungen gewählt, weil es sich mir aufdrängte. Als Kind fand ich mich nirgends wieder und hatte niemanden, die oder der mir beibrachte, wie man sich organisieren kann. Und ich möchte der nächsten Generation weitergeben, dass Frauen gezwungen sind, sich solche Fragen zu stellen, dass manche Frauen aber Lösungen finden, frei zu bleiben und alles zu haben und miteinander zu vereinen.

MusikBlog: Der Klang deiner Freiheit ist nun recht elektronisch geworden. Welche Synthesizer und E-Pianos verwendest du gerne?

Yael Naim: Ich habe zwei Geräte zuhause stehen, in die ich mich völlig verliebt habe. Das eine ist der Moog Matriarch. Dessen Klang der Echos und Geräuscheffekte machen einen großen Reiz aus. Während es nicht einfach ist, zu lernen ihn zu handhaben, ist mir die erste Annäherung trotzdem leicht gefallen.

MusikBlog: Welches ist die zweite technische Errungenschaft?

Yael Naim: Nun, zum anderen habe ich mir den Prophet 10 gekauft, der ein sehr klassischer Synthesizer ist. Hinzu kommen Plug-Ins für Synthesizer wie der Chronograph, den ich sehr mag. Auf dem Album kommen außerdem Diva-Geräte und Landforms-Plug-Ins viel und oft zum Einsatz.

MusikBlog: Welche Effekte nutzt du für deine Stimme?

Yael Naim: Meine Stimme zu modulieren mag ich und mache davon in vielen Techniken Gebrauch: Zum Beispiel sampele ich sie und lasse sie vom Keyboard nachspielen. Ich ziehe sie an anderen Stellen durch verschiedene Reverbs und Delays, also Hall und Verzögerung. Ein hilfreiches Plug-in, das ich dafür wirklich schätze, heißt Fragments. Valhalla VintageVerb, nicht allzu teuer, aber beeindruckend oder Replika-Effekte mit einem schönen Delay fließen auch oft ein.

MusikBlog: Und all das bearbeitest du in deinem Homestudio?

Yael Naim: Ja, ich nehme mich selbst auf, seit ich 17 bin. Mit knapp 18 habe ich angefangen, mir Sequencer zu kaufen. Als ich mit 22 nach Paris ging, erwarb ich meine ersten Pro Tools. Seitdem habe ich nie aufgehört, mich aufzunehmen. Bereits seit dem Album, auf dem „New Soul“ enthalten ist, haben wir alles bei mir zuhause gemacht.

MusikBlog: Die Mehrheit der Synth-Musiker*innen, vor allem der Frauen in diesem Bereich, macht sich hingegen von externen Beatmakern, insbesondere männlichen, abhängig.

Yael Naim: Das regt mich wahnsinnig auf – ein empfindliches Thema für mich. Denn ich hatte das Gefühl, komplett fähig zu sein, das alles selber zu benutzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mir das Freiheit gibt und ich es stets genießen konnte, zu tun, was ich möchte. Ich muss niemand anderem meine Vorstellungen erklären.

MusikBlog: Was passiert denn, wenn man sich als Songautorin gegenüber Produzenten erklären muss?

Yael Naim: Das läuft in Wirklichkeit so ab, dass es zwar Produzenten gibt, die super cool sind und wirklich darauf eingehen, was du möchtest und versuchen, hinter deine Zielsetzung zu kommen. Aber viele erklären dir, was nicht funktionieren wird, nicht „politisch korrekt“ ist und so fort. Dann verliert man das, wofür man eigentlich angetreten ist.

MusikBlog: Was hat sich denn gewandelt, seit du angefangen hast?

Yael Naim: In der Generation der heute 25-jährigen Frauen befinden sich viele, die Computer benutzen und die selbst produzieren – glücklicherweise ist das jetzt viel verbreiteter. Aber ich nehme andererseits viele junge Männer wahr, die sich zum Beispiel Ableton kaufen, mal eben zwei Töne beisteuern und sich Producer nennen. Aufgrund von zwei kleinen Handgriffen beanspruchen sie diesen Titel. Daher kann ich nur den Rat geben, selbst Schritt für Schritt besser zu werden und nach und nach das Produzieren zu lernen und auch dabei zu bleiben, wenn man am Anfang nicht perfekt sein wird. Das erste Mal macht man es besser als beim zweiten, und dann beim dritten Mal noch besser und immer so weiter.

MusikBlog: Dein Reich war einst der Folk, und bei neuen Stücken wie „Wow“ und „Multicolor“ entsteht nun ein ganz anderer Eindruck. Mich erinnert das an Noga Erez. Womöglich liegt das daran, dass auch sie zuletzt auf „The Vandalist“ solche Bhangra-Elemente nutzt und man diese im Allgemeinen selten in Pop, Folk, Rock oder Hip-Hop findet.

Yael Naim: Es stimmt, dass ich sehr stark den ‚organischen‘ Sounds verpflichtet war. Ich habe das auch bei Effekten eingehalten, ein echtes Radiogerät eingestellt habe und dessen Geräusche mitgeschnitten. Ich habe sogar prasselnden Reis verwendet, um Rhythmus zu kreieren. Mit dem Album „Nightsongs“ gab es dann den Übergang zum jetzigen, denn ich wollte ein Album ohne Bass und Schlagzeug machen, in dem alles fließend wirkt, mit Chor und weichen Bläsern und Akustikgitarre, Piano, kleinen Orgeln – zugleich aber mit sehr viel Sounddesign.

MusikBlog: Was ist da inbegriffen?

Yael Naim: Meine Stimme zu verändern, sie zu loopen und dadurch einen Raum zu erschaffen. Ich habe die Jahre hinter mir gelassen, in denen ich so sehr auf akustische Instrumente gesetzt hatte. Es hat mich tiefer in diese Welt der Synthesizer gezogen, auch der analogen Synths, des Modulierens, Formens und Nachbearbeitens von Klängen. Das traf sich gut mit der Entwicklung meines Lebens, weil ich das auch formen und modellieren musste.

MusikBlog: Damit ging aber auch ein stilistischer Wandel einher, oder?

Yael Naim: Ja. Ich wollte, dass klassische Musik und Orchestrales mit Elektronik und Synthesizern aufeinander treffen. Das lag auch daran, welche Musik ich selbst anfing zu hören.

MusikBlog: Wen hast du denn gehört?

Yael Naim: Sufjan Stevens spielte für den Übergang, den ich mit „Nightsongs“ vollzog, eine große Rolle, definitiv. Hinzu kamen Moses Sumney und Son Lux, die zwischen diesen Welten, Akustik und Klang-Modifizierung, pendelten, und dann natürlich James Blake, der Meister darin. Als nächstes habe ich Saya Gray entdeckt. Sie ist brillant in ihrer Klangqualität. Sie vollführt sehr extreme Raum-Veränderungen.

MusikBlog: Ja, da kann ich im Rückblick auf „Saya“ nur zustimmen.

Yael Naim: Björk war natürlich immer schon da, sie war prägend in all dem, seit so langer Zeit. Und mehr und mehr entdeckte ich dann auch Angel Haze und Kendrick Lamar, mit seinem Vermischen von Jazz, Klassik und Rap. Ich habe Holly Herndon und Oklou entdeckt. Rosalía mag sowieso in aller Munde sein, aber auch an ihrem Ansatz, der etwas völlig Neues brachte, bin ich hängen geblieben. Pablo Pablo gefällt mir, ein englisch-spanischer Künstler und eine Art Baby-James Blake. Floating Points finde ich reizvoll an der Schnittstelle von Elektro und Klassik. Lido Pimienta hat etwas in ihrem Sound, das auf gewisse Art wieder nicht Klassik und sehr losgelöst ist. Und dann zählt noch der englische Künstler Sampha zu meinen größeren Einflüssen der letzten Jahre, und all diese hört man sicher auf „Solaire“.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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