Seit dem 11. September 2001 sind Länder wie Afghanistan, Iran oder Irak, also der sogenannte Mittlere Osten, nachhaltig in unser westliches Bewusstsein gerückt. „Mal“ ist ein Geschichtenerzähler-Album, das diese Region mit untersucht und noch mehr leistet als das zunächst Offensichtliche: AySay ist eine Anatol-Pop-Gruppe, die bereits mehrere Kulturen verbindet, in erster Linie skandinavische, türkische und kurdische.
Sängerin, Komponistin und Texterin Luna Bülow Ersahin gestaltet mit ihren beiden Mitstreitern Carl West Hosbond und Aske Døssing Bendixen eine so spannende wie melancholische Platte. Lunas Band hat sich seit den beiden Alben „Köy“ (2023) und „Su Akar“ (2021) drastisch weiter entwickelt.
Wirkte das Fusionieren der Welten auf „Köy“ zwar interessant, aber wenig harmonisch und bisweilen plakativ und platt, so ist „Mal“ ein beeindruckend differenziertes Album mit übersprudelnd vielen Einfällen, Wendungen, attraktiven Melodien und einer starken Stringenz.
AySay ziehen ihre Hörer*innen so magnetisch durch die 12 recht ungleichen Tracks, dass man am Ende wirklich gerne noch mehr davon hätte.
Der schnuckelige Indie-Pop „Den Om En Mand (Haline Bak)“ besticht durch seine orientalische Tonleiter in Verbindung mit klassisch psychedelischen Rock-Riffs britischer Prägung.
„Yârimisin“ weist markante Ähnlichkeit zu Derya Yildirims Perlen an der Baglama-Laute auf, einem von Lunas Instrumenten. Außerdem beherrscht die 30-Jährige auch Geige.
Manche Spielarten von „Mal“ hat man womöglich bei artverwandten Bands wie Altın Gün schon einmal vernommen. Andererseits biegen AySay immer wieder in bewusstseinserweiternde, meditative und theatrale Abschnitte ab, die dann Lied-Strukturen aus Rock und Pop verlassen.
So pflegt „Lawiko“ eher das Innehalten tibetanischer Mönchsgesänge als die Griffigkeit anderer Gruppen des Genres. Das Fragment „Havîn“ nur mit Percussion und Acapella-Gesang oder der kurz gehaltene hypnotische Volkstanz Halay im Stück „Govend“ schlagen weitere Stilistiken an.
„Ya Tali3een (Live At Protest, CPH)“, eine Live-Aufnahme aus Kopenhagen, spielt auf faszinierende Weise mit Lunas klagender und doch verträumter, süßer Stimme, und legt Klangschichten in betörender Weise übereinander.
Immer wieder dringen in den Texten Aktivismus und politisches Engagement, Aufbegehren gegen Unterdrückung, Kampf ums Überleben, Trauer und Erinnerungskultur durch.
AySay haben eine frische und zeitgemäße, postmoderne Form von ‚Ethno-Pop‘ oder ‚Weltmusik‘ gefunden. Sie vereinen die Eigentümlichkeiten verschiedener Sprachen, Rhythmen, Harmonie-Systeme, Lebensgefühle, Sing-Techniken, Track-Längen und Instrumente-Kulturen zu einem multikulturellen Konglomerat, das an keiner Stelle aufgesetzt oder für Fördergelder inszeniert wirkt.
So ist „Mal“ bei all seiner Wehmut ein richtig schönes Werk geworden.
