Beim Titelstück des neuen Albums von Boy & Bear nicht automatisch an goldene New-Wave-Zeiten mit Talking Heads, INXS und The Stranglers zu denken, geht kaum. Bei „Tripping Over Time“ landet man zeitreisend in den frühen Achtzigern und stellenweise sogar in der Stilistik Peter Gabriels, Stichwort „Games Without Frontiers“.

Eigentlich sind die Australier aus Sydney als Folk-Rock-Gruppe bekannt geworden. 2025 regiert nun der Synthesizer und drückt den neuen Songs seinen Stempel auf, lenkt in Stadion-Rock-Kurven, wie sie in den letzten Jahren eher von The Killers oder The 1975 befahren wurden, und in nette Schnörkel hinein, wie man sie von Prog-Bands wie Yes und Styx kennt.

Boy & Bear spielen weiterhin in der Besetzung mit Killian Gavin im Background-Gesang, an der Rhythmusgitarre und in der Tontechnik, mit den Brüdern Tim Hart am Schlagzeug und ebenfalls im Hintergrundgesang, Jonathan Hart an den Keyboards und als Multiinstrumentalist, sowie mit Dave Symes als Bassist.

Der Lead-Gitarre wird in diesem Geschehen die Aufgabe zuteil, in Glam- und Funk-Momente auszuscheren. Oft gelingt das Twangen der sechs Saiten vortrefflich, etwa in „Roses“.

Für Americana-Flair mit Down-Under-Prägung lässt sich das Quintett trotzdem genug Spielraum. Nach dem ersten Drittel erfährt der Longplayer eine völlig neue Wendung, und in „Thunder“ und überhaupt im Mittelteil der Scheibe macht sich der kantige Folk der Combo wieder breit.

Der durchweg warme und angenehme, unaufdringliche und dennoch recht präsente Gesang Dave Hoskings saust im Track „Lost Control“, ganz ohne die Kontrolle zu verlieren, in Falsetto-Höhen hinauf.

Phasenweise neigt Hosking insbesondere bei introspektiven, sehr gefühlvollen Texten zu einem dezenten Näseln. Jedenfalls zeigt er sich wandelbar, gleichermaßen natürlich und in perfekte, stimmige Hintergrund-Gesänge eingebettet.

In der Ballade „Love Has Been Too Good To Me“ machen Boy & Bear den Eindruck, von Bruce Springsteens sphärischen Songs (zum Beispiel „Tougher Than The Rest“, „Streets Of Philadelphia“) inspiriert zu sein. Hosking lobt in der Lyrik des Stücks die Magie dessen, ein overthinker zu sein, ein Grübler oder Zweifler.

Auch wenn alles auf dieser Platte in ähnlicher Weise schon einmal da gewesen zu scheint – etwa wenn man in der australischen Musikgeschichte bis zu den Triffids zurück geht – verpacken Boy & Bear ihr Recycling sehr originell, einzigartig und schön.

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