Johnny Marr geht diesen Herbst auf die 63 zu, trägt den Fransenschnitt noch immer wie 1984 und erklärt in jedem Interview zum neuen Album, er sei inzwischen „bored of looking at screens“. Das führt dazu, dass er ein Album über die digitale Reizüberflutung der Gegenwart aufnimmt.
„The Age Of Everything“ heißt sein fünftes Soloalbum. Der Albumtitel soll ein Gefühl kultureller Überforderung durch Technologie einfangen, den Marr bei vielen Menschen wahrnimmt. Das macht ihn selbst allerdings noch lange nicht zum Verdrossenen. „There’s a sense of overwhelm in the culture brought about by technology, but looking at it with a different light, there could also be a sense of possibility“, sagt er.
Bei anderem Licht betrachtet, sieht der einstige The-Smiths-Gitarrist also auch die Fülle an Möglichkeiten, die jeder schon einmal gesehen hat, der mit Chat GPT, Claude oder Gemini mehr versucht hat, als den nächsten Urlaub zu planen.
Die Schattenseiten von Deepfakes bis zur „möglichen Auslöschung der Menschheit bis Ende des Jahrzehnts“ – Zitat der Entwickler eben jener KI – sind allerdings auch bekannt. Kann in diesem Spalt von Misere wohlfühlige Musik entstehen?
Kurzum sie kann:
In „Beyond The Rain“ etwa, einem mit Chor ausgestatteten Mitsingrefrain vor voluminösem Bandsound, steckt mehr Leichtigkeit als in fett-reduzierter Milch.
Das darauffolgende „It’s Time“ weckt mit den für Marr typischen Jangle-Gitarren die Erinnerung an „The Queen Is Dead“. Immer wenn man kurz davor ist, „Some Girls Are Bigger Than Others“ in einen seiner Songs hineinzusummen, hat Marr alles richtig gemacht.
Am schönsten gelingt ihm das womöglich in „That Feeling“. Hier geht die Sonne auch dann noch auf, wenn sich das Silicon Valley im Zeichnen einer düsteren Zukunft wechselseitig überbietet.
Geboten wurde im Übrigen kürzlich auch so einiges für Marrs Gitarrensammlung. Christie’s in London hat binnen fünf Stunden fast hundert Gitarren aus Marrs Sammlung an Käufer aus 34 Ländern versteigerte, für insgesamt 3,65 Millionen Pfund.
Offensichtlich hat er noch genug Sechssaitige zurückgehalten, um im Opener „Spin“ zu bündeln, was ihn seit 40 Jahren auszeichnet. Unter seinen glasklaren, jangelnden Gitarrenlinien, die ihn berühmt gemacht haben, steckt ein dicker, fast basslastiger Groove mit Ohrwurmcharakter.
Nur die müde Verve seines Gesangs erinnert daran, dass er selbst nie der Sänger sein wollte, den man ihm seit den Smiths deshalb auch in jeder neuen Band zur Seite stellte.
Dass ausgerechnet Manchester wieder als Aufnahmeort für „The Age Of Everything“ herhalten musste, wirkt logisch und fast schon stur behauptet. Wer bei Electronic, bei The The, bei Modest Mouse und bei den Cribs Gitarre gespielt, und längst bewiesen hat, dass er auch ohne Band funktioniert, darf durchziehen.
Auf „Ophelia“, der zweiten Single, greift Johnny Marr deshalb zu Shakespeare. Die Figur sei „konfus, aber von einer Nobilität und Stärke“, die Marr an einen echten Menschen in seinem Leben erinnere. Wer das ist, bleibt offen. Nur eines ist sicher: Morrissey kann nicht gemeint sein.
Umso erstaunlicher, dass sich ausgerechnet Marr und Morrissey gerade auf etwas einigen konnten, das über Dekaden undenkbar schien. Für „Rough Trade 45s: Volume 2“, ein auf 1.000 Exemplare limitiertes Boxset des Labels, werden am 30. Oktober eine neue Seven-Inch mit „The Headmaster Ritual“ und der B-Seite „I Want The One I Can’t Have“ veröffentlicht. Und zwei Männer, die sich seit Jahrzehnten nicht auf eine gemeinsame Pressemitteilung einigen können, schreiben dafür brav nebeneinander Liner Notes.
Das Coverfoto, ein Billy-Halop-Porträt von 1939, hat Morrissey ausgesucht – dass Marr nicht widersprochen hat, gilt in der Beziehung der beiden als so unwahrscheinlich, dass man sich vor Verwunderung fast die Augen ausreibt.
„The Age Of Everything“ ist vor diesem Hintergrund weniger ein technokratischer Aggregatzustand zwischen Möglichkeit und Verdammnis, sondern vielmehr die Bestandsaufnahme eines Mannes, der seine Gitarren verkauft, seine Feindschaften pflegt und seine eigene Überforderung besingt, während er sie, ganz offensichtlich, alle längst im Griff hat.
Und so kommt es, dass sein fünftes Album musikalisch routiniert ausfällt, alle immanenten Stärken des Protagonisten abruft und dabei unterm Strich zehn starke Songs, ohne einen einzigen Ausfall herauskommen.
