„Ready, Steady, Go!” Der Startschuss ertönt. Nach vier Jahren Albumpause ist er wieder da. Harry Styles legt mit „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“ nun seinen vierten Langspieler vor.
Untätig ist der Popstar nach der Veröffentlichung von „Harry’s House“ (2022) nicht gewesen. Nach einem irrwitzigen Pensum von 169 Shows in 22 Monaten begab er sich mit seinen Co-Produzenten Kid Harpoon und Tyler Johnson in einen intensiven Schaffensprozess.
Dass Harry Styles die Langstrecke liegt, bewies er dabei in doppeltem Sinne. Neben vielen Studiosessions an verschiedenen Orten Europas, trat Styles unter Pseudonym auch beim Berlin Marathon an. Er schaffte es beeindruckenderweise in unter drei Stunden ins Ziel.
Musikalisch erinnert „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.” jedoch weniger an einen Marathon als an ein Parcours-Rennen. So ist die den Opener „Aperture“ einläutende Ruhe trügerisch. Dass schon bald die ersten Hindernisse und Falltüren warten, ist unüberhörbar.
Aber was, fragen sich Kritik und Fans des aus einem Boyband-Mitglied erwachsenen, britischen Wunderknaben, hören wir da überhaupt? Ist das noch der alte Harry Styles, der mit lässiger Eigenwilligkeit den Groove der Jahre um 2020 prägte?
Die Antwort lautet ja und nein. Denn einerseits verkörpert Album Nummer vier einen neuen Grad an Synthie-Verliebtheit und eine verschärfte Form von Clubtauglichkeit, andererseits ist die stete Neuerfindung im Werk des Birminghamer angelegt. Man vergleiche nur mal das selbstbetitelte Debütalbum (2017) mit dem Nachfolger „Fine Line“ (2019).
Der im Titel bereits definierte Disco-Faden zieht sich durch die Songs. Während „American Girls“ zum Vorglühen einlädt, erreichen wir mit „Ready Steady Go!“ Betriebstemperatur. Man möchte unwillkürlich auf die Tanzfläche sprinten und sich in den stroboskopischen Klängen verlieren.
Wer nach weiteren hypnotischen Rhythmen verlangt, bekommt schließlich mit „Are You Listening Yet?“ die volle Dröhnung. Millennials dürften sich beim Hören dieses rauschhaften Stücks an „die gute alte Zeit“ mit den Black Eyed Peas erinnert fühlen.
Konnte man auf früheren Styles-Alben häufiger das Wörtchen „schön“ im Munde führen, möchte man diesmal – von Ausnahmen wie „Paint By Numbers“ und „Carla’s Song“ abgesehen – das Prädikat „wild“ verwenden. Ob dies ein Vor- oder Nachteil ist, bleibt dabei offen.
Kann „Kiss All The Time. Disco, Occasionally.“ zum neuen Klassiker werden? Dies hängt auch davon ab, ob die verrätselt-persönlichen Lyrics des 32-Jährigen zwischen all den wummernden Beats am Ende haften bleiben – oder ob uns dabei eine Prise „Watermelon Sugar“ fehlt.
