In Zeiten, in denen sich die Musikwelt immer schneller dreht und die produktionstechnischen Superlative Purzelbäume schlagen, sehnen sich so manche Hörerende nach einer Prise Entschleunigung. Im hohen Norden der Republik nimmt Alexa Rose alias kiil diesen „Hilferuf“ scheinbar unbewusst zur Kenntnis und präsentiert mit „Sunny, Eyes Closed“ den musikalischen Gegenentwurf zum alltäglichen Charts-Wahnsinn.

Die in Hamburg lebende Multi-Instrumentalistin, die einst mit der Indie-Band The Soda Stream unterwegs war, erzählt auf ihrem Solo-Debütalbum Geschichten ohne Worte. Statt dem Gesang übernehmen auf „Sunny, Eyes Closed“ das Klavier, atmosphärische Synths und elektronische Beats das Kommando.

„Idealerweise entstehen beim Hören ganz eigene Bilder. Diese Interpretationsfreiheit, die rein instrumentale Musik gibt, gefällt mir“, erklärt die kiil-Gründerin ihre künstlerische Herangehensweise.

Natürlich verbindet Alexa Rose ganz eigene Geschichten mit ihren Songs. Es geht um die Angst vor tiefen Gewässern („Marianengraben“), Teppichfreuden ohne Termindruck („Flokati“), fiktive Psychospiele („Sweet Plunge Into The Underworld“) und um spannende Alltagsimpressionen aus der Sicht von Katzen („Cat Lover“).

Wahlweise tiefenentspannt oder dynamisch skizziert die Urheberin ein musikalisches Wimmelbild, das trotz unzähliger Drehungen und Wendungen nie aus dem Rahmen zu fallen droht.

Hektische Gedanken und nervöse Zuckungen sind weit weg, wenn sich der Trockeneisnebel legt und sich die Tanzfläche in eine Wohlfühloase verwandelt („Night Out“). Mit geschlossenen Augen und dem trippelnden Klavier im Ohr genießt man den sommerlichen „Fahrtwind“.

Am Ende kommt alles noch einmal zusammen. Große Gefühle paaren sich mit musikalischen Ecken und Kanten. Harmonische Sphären und zartes Klavierspiel bilden den Schlusspunkt einer inhaltlich frei interpretierbaren Soundreise voller Emotionen („Sunny, Eyes Closed“).

Abseits von gängigen Songstrukturen überzeugt kiil auf einer Ebene, die hörbar und fühlbar guttut. „Sunny, Eyes Closed“ ist offen, in permanenter Bewegung, aber nie unruhig und schon gar nicht beliebig.

Hier fährt der Puls runter, doch die Sinne bleiben auf Empfang. Und nur die Hörer*innen entscheiden, welche Bilder im Kopf entstehen. Chapeau.

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