„Gehasst, geliebt, vergöttert“ – der Heckscheiben-Slogan einer deutschen Rockband beschreibt irgendwie auch den Status von Morrissey, der in den letzten Jahren erworben hat.
Natürlich war der inzwischen 66-Jährige bereits Provokateur par excellence, als er noch mit den Smiths und später auf „Viva Hate“ die Leiden der Adoleszent*innen mit einem ganzen Soundtrack ikonischer Klassiker begleitete. Was der Mozzer in den letzten Jahren gesellschaftspolitisch postulierte, hatte jedoch ein anderes Kaliber, als den Boomern die Wurst vom Brot zu singen, machte er es nicht nur für manch irritierten Fans schwer, sich auf seine Musik zu fokussieren.
Das fiel noch leicht, als 2004 sein fulminantes Comeback „You Are The Quarry“ erschien, dessen kompakte Qualität kaum eines der Folgewerke erreichte. Aber auch, wenn später kein Evergreen mehr gelang, gab es auf seinen Platten immer wieder von seiner Dichtkunst durchleuchtete Highlights, die schwelgerische Arrangements gekonnt in Szene setzten.
„I’m Throwing My Arms Around Paris“ vom 2009er Album „Years Of Refusal“ war so ein Treffer, und mit dem Montmartre-Ambiente im Titeltrack „Make-Up Is A Lie“ und seinem medienwirksamen Blick in die Kristallkugel zur Brandursache in „Notre-Dame“ hat dato das neue Album wieder einen Bezug zur Seine-Metropole.
Leider ist das die einzige Gemeinsamkeit, denn von dem Hymnischen, mit der sich der damalige Song in den Gehörgang schraubte, sind beide neue Nummern weit entfernt, was sie mehrheitlich mit dem Rest auf „Make-Up Is A Lie“ eint (wobei dieser in der Summe trotzdem besser klingt, als das Angebot auf den Alben „Low In High-School“ oder „I Am Not A Dog On A Chain„)
Der Opener „You’re Right, It’s Time“ hält noch stromlinienförmig bei Laune, „Headache“ muss bereits vom Gitarrenthema reanimiert werden und „Amazona“ generiert – trotz formidabler Feedback-Orgie – den dringlichen Wunsch, dass Roxy Music-Original aufzulegen.
Die Mannschaft an den Instrumenten müht sich mit E-Sitar, Reverb, Streichern und Glockenspiel redlich um Abwechslung, trotzdem bleiben „Zoom Zoom The Little Boy“ oder „Lester Bangs“ irgendwo im Niemandsland aus Befindlichkeits-Pop und 80s-Remminiszensen stecken, die Reime des Protagonisten helfen an dieser Stelle kaum weiter.
„Boulevard“ dämmert zwischen Taubenkacke und Rotze auf dem Rinnstein dahin, bis der Straßenfeger kommt. Geradezu knackig dagegen der Groove, den „The Night Pop Dropped“ verbreitet und es damit schafft, als Vertreter vom erneut von Altmeister Joe Ciccarelli produzierten „Make-Up Is A Lie“ doch noch den Anker im Langzeitgedächtnis zu werfen.
Auch tief im Herzen von „Many Icebergs Ago“ und „The Monster Of Pig Alley“ gibt es noch immer die Momente, in denen sich Stimme, Text und Melodie zur Einheit verdichten und die Hoffnung nährt, dass im Hause Morrissey weiter ein Songwriter-Licht glimmt, das niemals erlischt.
