Morrissey – I Am Not A Dog On A Chain

Meistens hört man sie im Bus oder an der Supermarktkasse, erkennt sie daran, dass sie unaufgefordert vor sich hin murmeln. Dann geht es entweder darum, dass die mahnende Durchsage des Busfahrers doch wohl offensichtlich das erste Indiz einer nahenden Diktatur sei, oder man selbst keine Angst vor selbiger habe und Widerstand leiste.

Verschwörungstheorien als Symbol zivilen Ungehorsams sehnen sich im öffentlichen Raum nach Mitstreiter*innen und leben trotzdem davon, dass alle anderen ihre zugehörigen Köpfe schütteln.

Morrissey lebt mittlerweile von ähnlichen Gesten. Während er schon auf “Low In High-School” mehrfach und stolz verlauten ließt, dass er mittlerweile die Zeitung nicht mehr lese – gefragt hat auch hier keiner – wird das Nichtlesen täglicher Druckerzeugnisse auf “I Am Not A Dog On A Chain” zum Leitmotiv.

Das passt zum Titel und zum Image, dass sich der ehemalige Frontmann der sagenumwobenen Smiths abgebaut hat. Als enfant terrible der britischen Indie-Rock-Musik pendelt Morrissey schon seit The-Smiths-Tagen zwischen Nihilismus und Hedonismus, zwischen Aktionismus und reaktionärer Verteidigungshaltung.

Auf ” I Am Not A Dog On A Chain” wird die Kluft zwischen der eigenen Stilisierung als Opfer der Medien und dem doch sehr resolut wirkenden Widerstand gegen die Pelzindustrie immer größer. Würde Morrissey nur ein wenig auf die sich ständig wiederholenden Phrasen verzichten, die ihn als uninteressierten Medienverweigerer zeichnen, könnten seine Musik und seine Texte sogar die Generation Z begeistern.

An Authentizität mangelt es dem Sänger nicht, wenn er sich zum Beispiel auf dem Titeltrack “I Am Not A Dog On A Chain” gegen ein kanadisches Unternehmen wendet, das Tierstoffe als Modeartikel missbraucht, schließlich ist eine vegetarische Lebensweise schon lange Inhalt seines Schaffens.

Selbst, wenn er auf “Jim Jim Falls” jegliche Selbstinszenierung anderer verurteilt und konsequentes Handeln fordert, wirkt das für den polarisierenden Künstler zwar wie gekünstelter Pathos, aber eben einer, den man von ihm kennt und bis zu einen gewissem Grad auch erwartet.

Im scheinbar selben Atemzug verurteilt er aber auch eine Kultur, die Konsequenzen für Äußerungen, Handlungen und Positionen fordert. Das schränkt den Hörgenuss in eben jenen kleinen Momenten ein, in denen man aus Morrisseys lamentierender Stimme das leise Klagen der Verschwörungstheoretiker widerhallen hört.

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