„Only You Left“ ist der vierte Longplayer des Trios The Orielles und für ein viertes Werk verblüffend frei von Routine. Vieles auf dieser Platte wirkt wie die Live-Schalte in ein Laboratorium, in dem Kunststudent*innen Instrumente misshandeln, weil diese nicht richtig oder harmonisch klingen sollen, sondern in ungehörter Weise ein verschachteltes Konstrukt ergeben.

Die Architektur der Lieder fußt durchaus auf einem klaren, stringenten dramaturgischen Aufbau. Es gibt Steigerungen, Abschnitte, die auf vorherige Abschnitte reagieren und mit Spannungsaufbau Bass, Gitarre und Schlagzeug zum Köcheln bringen.

Die gefühlte Elektrizität entlädt sich aber nie so wirklich – es bleibt immer eine schwüle Restspannung in der Schwebe. Während die drei Musiker*innen aus Halifax Explosionen meiden und verhaltenes Understatement bevorzugen, werden viele Erinnerungen an Rock-Spielarten des letzten Jahrhunderts wach:

Experimente des Harvest-Labels in den frühen Siebzigern klingen an. Verquaster Alternative-Rock mit flirrenden Post-Punk-Einsprengseln macht sich breit.

Post-Punk steckte immer in der Band-DNA, was auch dazu führte, dass der Schlagzeuger der Buzzcocks ihnen bei der Tour zum ersten Album begeistert hinterher reiste. Es gibt aber auch ganz andere Genre-Bezüge.

Jazzige Polyrhythmik lässt die Rock-Anteile zerklüften, wie etwa im Track „Ember“. Sich wiederholende Loops, wie sie dort und auch in „The Woodland Has Returned“ zum Stilmittel werden, sorgen für akustische Hypnose.

Somit verschieben die Schwestern Hand-Halford und ihr Kumpel Henry ihr stimmungsvolles und ambivalentes Schaffen in Richtung Musique Concrète, Art-Rock und Improvisationstheater.

Gelegentlich meint man, die Band eins zu eins bei der Entstehung von Liedern zu belauschen, etwa wenn sie sich „Tiny Beads Reflecting Light“ gar nicht entscheiden mag, in welche Richtung es sich wohl weiter entwickelt, und wenn The Orielles dabei immer wieder neue Haken schlagen.

Während die Stimmen von Sidonie und Esmé Dee Hand-Halford einen Ticken an Sarah Cracknell von Saint Etienne erinnern, vermischen sich so viele Gitarren- und Noise-Bands der 1980er und ’90er miteinander, dass konkrete Spuren zu einer von ihnen sich sofort wieder verwischen.

„Only You Left“ ist eine sympathische Scheibe mit vielen Momenten, die hinhören lassen, aber auch etlichen Abschnitten, zu denen man sich treiben lassen kann. The Orielles verlassen dankenswerterweise öfter mal eingetretene Pfade und probieren sich im Verstoß gegen gängige Muster.

Heraus kommt ein Anwärter für die Top-Alben des Jahres.

Schreibe einen Kommentar

Das könnte dir auch gefallen

Album

Joshua Idehen – I Know You’re Hurting, Everyone Is Hurting, Everyone Is Trying, You Have Got To Try

Album

Baxter Dury – Allbarone

Album

Saint Etienne – International

Login

Werde MusikBlog-Mitglied!

Werde MusikBlog-Fan-Mitglied und du kannst Alben als Favorit markieren und deine eigenen Jahres-Charts erstellen.

Erlaube Benachrichtigungen OK Nein, danke