Kneecap standen für einen provokanten Stil mit politischem Humor und irischem Slang, bei dem Straßenkultur auf Satire und Hip-Hop auf Acid House traf. Das missfiel allerdings dem politischen Establishment in England so sehr, dass man versuchte, Kneecap mundtot zu machen.

Jetzt schlägt das Trio aus Belfast umso härter zurück. Nach politischen Kontroversen, abgesagten Shows und einem fallen gelassenen Terrorvorwurf gegen Mo Chara erscheint das dritte Album „Fenian“ als kalkulierte Antwort auf institutionellen Druck.

Mit dem Nachfolger zum 2024 erschienenen „Fine Art“ legen die drei Raufbolde einen Longplayer vor, der gar nicht erst vorgibt, zwischen Kunst und Agitation zu unterscheiden, sondern beides als entschiedenen Impuls der Gegenrede begreift.

Bereits der Albumtitel umrahmt den Aufstand: „Fenian“, einst Bezeichnung für mythische Krieger, später Schimpfwort für irische Katholiken, wird hier zum bewusst zurückeroberten Chiffre des Widerstands.

Im hyperventilierenden Sound spiegelt sich dann die aufwühlende Vergangenheit der nordirischen Hauptstadt, die sich seit dem Karfreitagsabkommen vor knapp 30 Jahren vom Terrorismus zum Tourismus hin entwickelt hat – und doch mit jeder Krise wieder Gefahr läuft, in die Bürgerkriegsszenen der 80er und 90er zurückzufallen.

Dass der Frieden gar den Verwerfungen des Brexit widerstehen konnte, ist ein Triumph. Das heißt aber keinesfalls, dass das Verhältnis nach London gut wäre. In „Liars Tale“ können Kneecap davon ein Lied singen. „Sie haben versucht, uns zu stoppen, indem sie Kneecap als ‚Terroristen‘ brandmarkten – mit Absagen, mit Statements vom Premierminister persönlich.“, so die Band.

Der aufrührerische Track zerlegt Keir Starmers Versuche, die Bewegung von Kneecap zum Schweigen zu bringen und zu unterdrücken. Zielscheibe sind die ‚Tories im Labour-Gewand‘. Der Song konfrontiert direkt die Absurdität, dass Politiker gegen Künstler vorgehen – getragen von einem stampfenden 80er-Rockriff, neu aufgeladen mit chaotischer Rave-Punk-Energie.

Generell verschärfen die Nordiren ihre bisherige Mixtur aus Hip-Hop und Rave deutlich. Der Sound ist dunkler, dichter, aggressiver. Oder wie sie es nennen: „sinister sound for sinister times“.

„Carnival“ verarbeitet die realen juristischen Auseinandersetzungen der Band, während „Palestine“ globale Solidarität beschwört.

Tracks wie „Smugglers & Scholars“ bauen ihre Spannung aus dräuenden Bassfiguren und industrieller Perkussion auf, die eher an dystopische Clubmusik als an klassischen Rap erinnern. Jederzeit Musik, die nicht nur gehört, sondern körperlich erfahren werden will.

Lediglich „Irish Goodbye“ an letzter Stelle wirkt etwas versöhnlicher, wo Kae Tempest den Widerstandskampf mit gewohnt tiefschürfenden Sätzen unterstützt. Doch selbst hier sind Kneecap das absolute Gegenteil von handzahm.

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