Es gibt Künstler*innen, die sich selbst im Erfolg verlieren – und solche, die klug genug sind, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Tom Misch, der britische Gitarrist und Produzent, der mit seinem Debütalbum „Geography“ von 2018 eine ganze Generation von Bedroom-Producers geprägt hat, zog sich nach dem Erfolg seiner Kollaboration mit Yussef Dayes aus dem Musikbusiness zurück – und arbeitete zwischenzeitlich als Surflehrer, Barista und Gärtner.
Man nennt das wohl eine kreative Pause. Das Ergebnis dieser Auszeit heißt „Full Circle“, das zweite Album des Künstlers, und es klingt wahrlich nach einer Person, die sich selbst wiedergefunden hat.
Was das Album will, flüstert „Flowers In Bloom“ bereits in den ersten Sekunden. Eine Gitarre mit viel Hall – was auch sonst bei Tom Misch? – trägt den ersten Satz des Albums: „Took some time just to heal my mind, took a train to the countryside.“ Selten hat ein Intro so unmissverständlich erklärt, wie ein Album überhaupt entstanden ist.
Was folgt, klingt wärmer und näher als alles, was er bisher veröffentlicht hat: die akustische Gitarre tritt bei einigen Songs in den Vordergrund, der Sound ist analog und organisch – durchzogen von Mischs bass-lastiger, sanfter Stimme.
Besonders berührend gelingt Tom Misch der persönliche Blick auf Familie. „Sisters With Me“ ist eine bezaubernde Ode an seine Schwestern. Ein Thema, das in der Popmusik erstaunlich selten auftaucht. Der Song endet in einem zarten Saxofon-Solo, während die Schwestern selbst im Backgroundgesang zu hören sind.
„Old Man“ setzt diesen introspektiven Faden fort: das Entdecken der ersten grauen Haare, das Erkennen des eigenen Vaters im Spiegelbild, das Träumen von einer eigenen Familie. Kleine, universelle Momente, die unter die Haut gehen.
Wo es die Songs verlangen, zeigt Misch aber auch, dass er nicht nur in Nostalgie schwelgt. „Echo From The Flames“ bringt leicht spanische Rhythmen und einen aufbrausenden Violinen-Part.
„Slow Tonight“ erinnert mit seinem flotten Beat durchaus an John Mayer – dem er auch in seinen Gitarrensoli nahe kommt, ohne dabei seine ganz eigene musikalische Sprache zu verlieren. Dass er musikalisch wieder zum Leben erwacht, ist das vielleicht Schönste an diesem Album.
Den Schlusspunkt setzt „Days Of Us“ mit Kaidi Akinnibi am Saxofon – das hier nicht als Deko am Ende aufwartet, sondern den gesamten Song trägt. Zarte Streicher, Mischs weiche Stimme, dann ein instrumentales Crescendo, das langsam verebbt.
„Full Circle“ vertont die Ehrlichkeit eines Menschen, der seine Karten auf den Tisch legt – und das klingt, als hätte Tom Misch genau das gebraucht.
