11 Jahre hatte München auf diesen Besuch gewartet. 11 Jahre, in denen Kevin Parker vom Schlafzimmerproduzenten aus Perth zum vielleicht eigensinnigsten Popstar seiner Generation aufgestiegen ist. Dass er am gestrigen Donnerstagabend mit seiner Band Tame Impala ausgerechnet mit einem Toilettengang den denkwürdigsten Moment des Konzerts liefern würde, passt zu einem Künstler, der das Unerwartete zur Methode erhoben hat. Aber der Reihe nach.
Zunächst hat die Vorband RIP Magic aus London die sehr gut gefüllte Olympiahalle mit solidem, im Halbdunkel dargebotenem Hip-Hop unterhalten, der handwerklich wenig auszusetzen bot, aber als appetizer für den Hauptact etwas deplatziert wirkte.
Dann kamen Kevin Parker und seine fünf Mitstreiter und mit dem ersten Takt von „Apocalypse Dreams“ und den folgenden Hits „The Moment“ und „Borderline“ fand der Abend seinen Ton.
Mit „Loser“ ist die Feuilleton-Kritik am fünften, im Oktober letzten Jahres erschienenen, Album „Deadbeat“ am halbrunden Bühnenrand zerschellt. Was auf Platte zuweilen suchend klang, gewann live eine körperliche Dringlichkeit, die das Zweifeln überflüssig machte.
Die folgenden „Afterthought“, „Feels Like We Only Go Backwards“ und das den ersten Hauptteil abschließende „Dracula“ schoben Tame Impala ineinander wie tektonische Platten, bis die Grenze zwischen Rock und Rave verwischt und nur noch eine blasse Erinnerung war.
Dann verließ Parker die Bühne, gefolgt von einer Kamera, die ihn durch die Katakomben der Halle bis zur Toilette begleitete – jedoch diskret genug, um vor der Kabinentür, sich auf den Boden legend, innezuhalten. Nach kurzer Zeit sah man Kevin dann sich gewissenhaft die Hände waschen, während seine Band auf der Bühne ein Interlude intonierte.
Zwei weitere Minuten später materialisierte sich der Frontmann am gegenüberliegenden Ende der Halle auf einer zweiten, kleinen Bühne, umgeben von am Boden verteilten Effektgeräten, und destillierte die Essenz von „Deadbeat“ in ein dreiteiliges EDM-Set. Tausende Handylichter taten dabei, was Handylichter eben tun – sie ersetzten die Sterne, die Münchens Lichtsmog längst geschluckt hat.
Zurück auf der Hauptbühne, verschwitzt und hörbar gut gelaunt, gab Parker zu: „I’m sweaty and I’m feeling good.“ Und versicherte sich gleich beim Publikum, ob sie sich denn auch verschwitzt, aber gut fühlten.
Später bat der charismatische Australier die Lichttechnik, die Halle mit weißen Strahlern auszuleuchten, betrachtete die – von ihm aus gesehen sicher nur stecknadelkopfgroßen – Zuschauer*innen und befand schlicht: „You look beautiful“. Ein wahrer Gewinner der Herzen.
Dann schenkten Tame Impala dem Münchner Publikum mit „Expectation“ vom 2010er Debütalbum „InnerSpeaker“ eine Deutschlandpremiere – ein Stück aus einer Zeit, als Parker noch in einer undichten Strandhütte am Indischen Ozean aufnahm und Tame Impala ein Geheimtipp waren, den man sich zwischen zwei Bong-Zügen zuflüsterte.
Den emotionalen Zenit erreichte das den zweiten Hauptteil beendende „New Person, Same Old Mistakes“ vom Album „Currents“ (2015), ein live fast zehnminütiger Sog aus Synthesizern und Selbstbefragung, nach dem sich über das Publikum ein Konfettiregen ergossen hat wie ein letztes visuelles Argument dafür, dass Pop auch ergreifend sein darf.
Nach kurzer Verschnaufpause forderten die Handylampen der Zuschauer*innen eine Zugabe ein, und Parker kehrte mit den Worten „The night is not over yet“ für die letzten Stücke „My Old Ways“, „The Less I Know The Better“ und „End Of Summer“ zurück.
Nach der ersten Zugabe entspann sich ein kleiner Dialog mit einer Zuschauerin, die sich offenbar ein Tattoo von ihm wünschte. Parkers Reaktion – ein ungläubiges „I might fuck it up“ – endete mit dem versöhnlichen Versprechen „I’ll find you“.
Psychedelic-Pop mit clubbigem Dancefloor-Appeal in seiner zivilisiertesten Form und mit dem herzlichen Versprechen, auch nach dem letzten Ton noch da zu sein. Besser hätte man kaum in den Frühling starten können.






