Mit ihrer Kombination aus analogen Elektro-Sounds, markanten Basslines und klassischen Songwriting-Skills setzten Digitalism bereits mit ihrem Debütalbum („Idealism“) im Jahr 2007 Maßstäbe. 20 Jahre später sind die beiden Projektverantwortlichen Jens „Jence“ Moelle und İsmail „Isi“ Tüfekçi immer noch erfolgreich unterwegs und präsentieren ihrer Gefolgschaft dieser Tage ihr mittlerweile fünftes Studiowerk „Optimism„. Kurz vor der Veröffentlichung des neuen Albums trafen wir uns mit Jens Moelle und Ismail Tüfekçi zum Interview und plauderten über das berühmte Licht im Dunkeln, einen trommelnden Label-Manager und die Magie des Moments.
MusikBlog: Isi und Jens, die Welt steht am Abgrund. Überall wird gelitten und gemeckert. Jetzt kommt ihr mit eurem neuen Album „Optimism“ um die Ecke. Wie passt das zusammen?
Jens Moelle: Bei dem Titel geht es uns nicht um ein politisches Statement. Wir präsentieren damit auch kein Allheilmittel oder eine Rezeptur zur Verbesserung der Weltlage. „Optimism“ soll einfach als Zufluchtsort fungieren. Die Zeiten sind düster, keine Frage. Gerade deswegen braucht man auch mal Momente, in denen man abschalten kann. Einfach mal Pause machen und alles beiseite schieben. Mit unserem Album wollen wir den Menschen, die sich auf unsere Musik einlassen, wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
MusikBlog: Euer letztes Album liegt eine ganze Weile zurück. Wann war die Zeit reif für die neuen Songs?
Ismail Tüfekçi: Wir haben damals ja unser eigenes Label gegründet. Das war so um 2017. Dann wollten wir natürlich ein paar eigene Sachen und uns auch auf anderen Feldern ausprobieren. Dann kam „JPEG“ raus und zeitgleich haben wir uns mit datenbasiertem Booking und anderen interessanten Dingen rund um uns, unsere Musik und das Label beschäftigt. Corona hat dann erstmal alles wieder auf Eis gelegt, was für alle irgendwie blöd war. Und danach hatten wir einfach wieder große Lust, ein Album zu machen und eine Geschichte zu erzählen.
MusikBlog: Corona ist ein gutes Stichwort. War es eine schwere Zeit für euch?
Jens Moelle: Ja, schon. Es war eine schwere Zeit für alle. Wir waren gerade am Ende unserer „JEPG“-Tour, als wir plötzlich alles absagen mussten. Dann sitzt man erstmal zusammen und fragt sich, wie das alles jetzt weitergehen soll. Glücklicherweise kam dann ja ziemlich schnell dieser Online-Switch, den wir natürlich auch ziemlich spannend fanden. Wir haben dann auch unsere ersten Online-Konzerte gespielt, was sehr gut funktioniert hat. Wir haben auch ein Konzert aufgezeichnet für ein Festival in Mexiko, wo hier eigentlich live hätten spielen sollen. Das war schon auch eine ziemlich spannende Zeit.
MusikBlog: Was ich ja sehr cool finde: Ihr habt für die neuen Songs euren Label-Manager als Schlagzeuger engagiert. Wie kam es denn dazu?
Ismail Tüfekçi: Den haben wir einfach angefragt. Die Beats und Drums im Dance-Bereich haben sich alle weiterentwickelt. Die haben auch alle ihre Daseinsberechtigung. Aber wir wollten diesmal einen organischen Sound. Am Ende hat man mit einem echten Schlagzeug einfach mehr Dynamik mit im Boot. Da klingt nicht jeder Schlag gleich. Genau das wollten wir haben.
MusikBlog: Ich habe gelesen, dass euch der Moment wichtiger sei als die Perfektion. Wie kann man das verstehen?
Jens Moelle: Einerseits ist es einfach so, dass wir eine ziemlich kurze Aufmerksamkeitsspanne haben. Wenn wir kreative Momente haben, dann müssen wir die auch sofort bearbeiten und festhalten, sonst sind die irgendwann einfach weg. Es gibt viele Kolleg*innen, die können wochenlang an ihren Ideen rumschrauben. Das funktioniert da auch ganz wunderbar und ist auch super spannend. Uns geht’s aber immer mehr um die Idee und den Moment.
MusikBlog: Ihr habt euch für das neue Album zum ersten Mal eine Deadline gesetzt. Wie seid ihr mit dieser Neuerung klargekommen?
Ismail Tüfekçi: Nun, wir haben mit dem Albumtitel angefangen. Dann haben wir ein bisschen gejamt und Dinge ausprobiert, wie wir das halt so machen. Dann standen irgendwann die ersten beiden Songs, „City Of Love“ und „Space Invaders“. Und dann ist Jens ist erstmal für drei Wochen nach Thailand abgereist. Als er dann wiederkam, hatten wir ungefähr noch zwei Wochen, um die restlichen Songs fertig aufzunehmen, das Ganze zu mischen und zu mastern. Am Ende war es schon auch gut so, denn mit zu viel Zeit und zu vielen Ideen kommt man auch nicht so richtig zum Ziel. Für uns war das jedenfalls ein guter Lernprozess. Nun wissen wir auch, dass wir mit Deadlines arbeiten können.
MusikBlog: Euer „Bunkerstudio“ spielt innerhalb eures Arbeitsprozesses immer eine besondere Rolle. Was macht den Ort für euch so magisch?
Jens Moelle: Den Bunker haben wir jetzt schon seit 20 Jahren. Hier gibt es keine Fenster und keine Ablenkung. Hier gibt es nur uns und unsere Ideen. Wir müssen hier einfach kreativ sein, um uns quasi selbst zu unterhalten. Das treibt an und macht Spaß.
MusikBlog: Wenn man seit mehr als zwei Dekaden zusammen Musik macht, dann muss man ja ziemlich gut miteinander klarkommen. Was macht denn den jeweils anderen zu einem besonderen Menschen?
Jens Moelle: An Isi fasziniert mich immer wieder, wie er es schafft, alle Menschen um ihn herum in alles mit einzubeziehen und glücklich zu machen. Isi ist einfach extrem inklusiv. Er fördert und fordert. Von seinen sozialen Skills kann ich nur träumen.
Ismail Tüfekçi: Ich mag den Humor von Jens, der ist total trocken. Und dann ist er sehr direkt und ehrlich, was ich auch sehr schätze. Viele Menschen versuchen immer, um den heißen Brei herumzureden. Jens kommt gleich auf den Punkt. Das mag ich sehr.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
