Evanescence sind seit mehr als 20 Jahren stilbildend unterwegs. Zwischen Alternative-Rock, Metal und klassischen Musikelementen gehört die Band seit ihrer 2003er Erfolgssingle „Bring Me To Life“ und dem dazugehörigen Album „Fallen“ zur konstanten Größe im aktuellen Rockgeschehen.
Mit „Sanctuary“ folgt fünf Jahre nach dem härteren Rockalbum „The Bitter Truth„, die Rückkehr auf alternative Pfade und stilprägende Gothic-Rock-Elemente.
Mit Jordan Fish und Zakk Cervini (Bring Me The Horizon) sowie bereits bekanntem Nick Raskulinecz haben Evanescence erfahrene Produzenten ausgesucht, um über drei Jahre an einem Dutzend Songs zu arbeiten, die die typische Evanescence DNA innehaben.
So klingen der Opener „Beautiful Lie“ und das folgende „Tell Me When You´ve Had Enough“ dynamisch modern, mit wuchtigen Metalpassagen und Amy Lees omnipräsentem, raumfüllendem Gesang. Dieser sorgt für eindringliche Refrains, die – stets instrumental getragen – schnell im Gehör verweilen und sich gewohnt stadionrocktauglich präsentieren.
Die Songs verarbeiten gesellschaftliche Probleme ebenso wie persönliche Krisen, erreichen aber selten wirkliche Tiefe. Die Singleauskopplung „Who Will You Follow“ mit der Thematik Identitätsverlust in Zeiten von Fake News, mag eine Ausnahme sein – der Track strahlt die bekannte Evanescence-Atmosphäre am Besten aus. Ein Klavierintro trifft hier auf massive Gitarrenriffs und wechselndes Spiel der Dynamik, garniert von einem Outro, das mit Amy Lees emotionalem Einsatz überzeugt.
Soweit so Evanescence. Die Formel der Band geht selbst nach fünf Jahren Pause immer noch auf. Ob das schwerfällige „Rapture“ oder „Afterlife“ mit der typischen Songstruktur aus ruhigen Passagen, die explosionsartig auf- und ausbrechen, dank Sängerin Amy ist der Wiedererkennungswert jederzeit gegeben.
Der düstere Titeltrack „Sanctuary“ präsentiert sich so introspektiv wie seine Thematik, die nach dem Rückzugsort in unserer lauten Welt sucht. Der Song entwickelt sich langsamer aus seinem sphärischen Gewand und lässt zum Refrain das Klavier bestimmend wirken, bevor mächtige Riffs Jagd auf Amy Lees Weltflucht machen.
Eindrucksvoll ist, wie sich Lees weiche Stimme, mehrlagig über die instrumentale Übermacht legt und sich atmosphärisch sofort anpassen kann. So verzaubert sie „How Do I Heal“ mit beinahe filigraner, verletzlicher Stimme und erreicht extravagante, vom Klavier begleitete Höhen. Die Ballade mag für manche nur Füllmaterial sein, sie zeigt jedoch Amy Lee in all Ihrer stimmlichen Brillianz.
„About Us“ kehrt zurück in eine beklemmende, aber gewohnte Atmosphäre. Energisch reißt der Refrain die mittelmäßige Synthie-Nummer raus.
„Calm Down“ besinnt sich auf flächendeckende Metalriffs, vergisst dabei aber das Tempo und zentriert zu sehr auf den reduzierten Gesang. Das mag für den Titel angemessen sein, ein epischer Refrain wäre es aber auch gewesen.
„Self Destruct“ findet dank industriell hartem Intro und kurzatmigem Gesang schnell in bekannte Gewässer. Der von Synthies und dem Schlagzeug befeuerte Refrain muss sich dem orchestralen Streicheroutro geschlagen geben, zu dem auch Amy Lee eine Schippe Emotion auf die kraftvolle Stimme packt.
Emotional bleibt es bei „Forever Without You“, das textlich ebenso wenig Überraschungen bietet, wie die Klavierinstrumentierung. Lediglich Amys Gesang lässt Gänsehautmomente entstehen, wenn sie gefühlvoll mit vollem Umfang ihr Organ erklingen lässt, um kurz danach in betroffenen Sprechgesang zu wechseln.
Das Dutzend voll macht „Wide Open Heart“, das sich sphärisch orchestral präsentiert und mit Melodie überzeugen kann. Der Refrain wirkt seltsam zurückhaltend und lässt den instrumentalen Wumms vermissen, der gefüllte Stadien erbeben lässt, woran auch das Gitarrensolo nichts ändert, das Amy Lee eine kurze Verschnaufpause zugesteht.
Evanescence sind zurück. In gewohnter Manier präsentieren sie, was man als gewohnte Stärke oder den Unwillen zur Weiterentwicklung auslegen kann. Für Freunde der US-Rocker gibt sich „Sanctuary“ zugänglich und spielt mit den bekannten Stilelementen, und doch zeigen sich abseits gefüllter Stadien langsam Abnutzungserscheinungen.
