In Großbritannien denkt man fasziniert an die Pionierinnen des weiblichen Brit-Soul zurück, an Gabrielle, Lisa Stansfield, Tasmin Archer oder Beverley Knight, sobald der Name Mica Millar fällt. Trotz ihrer Reichweite im Playlist- und Konzertbereich und ihrer interessanten Persönlichkeit fehlt jedoch einen Monat vor Veröffentlichung ihres zweiten Albums „A Little Bit Of Me“ ein Wikipedia-Eintrag, sei es bei uns oder in ihrer Heimat. Merkwürdig – relevant wäre sie.
„A Little Bit Of Me“ ist, wie der Titel schon sagt, eine autobiographische Scheibe. Stilistisch handelt es sich um eine unaufdringliche Orgel-Soul-Platte. Es ist kein Werk, das einen anschreien, das irgendwie provozieren, die Welt aus den Angeln heben oder Relevanz einklagen würde.
Doch unter der Oberfläche der stillen Wasser, die tief gründen, verläuft Micas Geschichte von einem schweren Unfall mit zweieinhalb Stunden Wartezeit auf den Rettungsdienst, mit hohem Risiko einer folgenden Querschnittslähmung und einer äußerst schmerzhaften, postoperativen Reha.
Zu dieser Geschichte, die im Debütalbum „Heaven Knows“ 2022 bereits anklang, gehört eine posttraumatische Belastungsstörung mit depressiven Phasen und einem dauernden Training der eigenen Resilienz.
Hinter der Fassade der manchmal an Adele erinnernden Lieder liegt Micas Begeisterung für Etta James, für Gospel in alter wie moderner Form – Stichwort Mary Mary -, für den R&B von Ray Charles, den Klavier-Soul Aretha Franklins und für das gesamte Programm von Motown.
Künstler*innen von Smokey Robinson And The Miracles über Jackson Five und Stevie Wonder bis Gladys Knight und Lionel Richie prägten ihren Geschmack. Für die drei Letztgenannten trat die einst vom Kollegen Goldie geförderte Singer/Songwriterin bereits als Vorprogramm auf.
The Supremes lassen sich als Inspiration und Einfluss unschwer beim rhythmisch pfiffigen „It’s You“ heraushören. Weitere gut gesetzte Orgel-Akzente nehmen zum Ende des Albums zu.
Daniel Weatherspoon heißt der Virtuose an Wurlitzer- und Rhodes-Tasten. Er stammt aus Chicago, ist in Gospel-Kreisen renommiert, arbeitete mit Mega-Stars des R&B, nimmt selbst Jazz-Klavier-Platten auf und wohnt aktuell in Washington. Sein Beitrag zur hochwertigen Klangfarbe des Albums ist entscheidend.
Mica selbst hingegen spielt kein Instrument auf der Platte und auch nicht auf der Bühne, benutzt Piano-Plug-Ins zum Komponieren und Aufnehmen ihrer Demos.
In Anlehnung an Gospel und an Adeles Gesangstechnik wetteifert Millar in „Warning Sign“ mit einem starken Kontrabass-Motiv, versandet im Verlauf jedoch in monotonem Plätschern. Auch „Hard Times“ krankt daran, sich trotz seines ernsten Textes in Beiläufigkeit zu verlieren.
Für mehrere Tracks hier gilt: Auch wenn sie schön klingen, reichen sie über netten Hintergrund-Schall kaum hinaus. Einmal, in „Times Like These“, haftet er sich an die Fersen von Neunziger-Mainstream-Soul-Pop.
In den schnelleren Stücken zündet die 38-Jährige mehr, ebenso in den glasklar gebremsten Balladen, während das Midtempo weniger wirkungsvolle Ergebnisse zeitigt.
Anrührend zeigt sich die Ballade „Hand On My Soul“, mit dunkler Couleur in der Stimme präsentiert Millar ihren eleganten R&B-Jazz „If You Stay“ voller intimer kurz-vor-Mitternacht-Stimmung.
In „When You’re Gone“ mündet sogar eine E-Gitarre ein. Tänzelnden Vibe mit Soul-Jazz, vergleichbar der von Celeste, vermittelt „Under My Skin“.
Im Gegensatz zum Vorgänger-Album packt Mica nicht wirklich ihr stimmliches Magnet-Potenzial aus. Vielmehr verhält sie sich im Gesang uncharakteristisch und bleibt wenig erkennbar und alles andere als einmalig.
Auch wenn sich die stets nachts komponierende Künstlerin stilistisch auf die Spuren Izo Fitzroys begibt, wie in „See You On The Other Side“, verkörpert sie deren Inbrunst und Souveränität nicht, sondern geht zu wenig aus sich heraus.
Im besten Stück „A Little More Time For Love“ siegt die Eingängigkeit, man kann sich der Aufnahme schwer entziehen. Hier untermauern Bläsersatze die schöne Melodie, Mica wechselt stimmlich in den Sopran.
Es wäre spannend zu sehen, was Mica als Produzentin für andere herausholen kann, doch bei der gegebenen Rollenaufteilung kommen auf ihrem eigenen Album die Qualität der Lyrik und des Gesangs ein wenig zu kurz, und das schmälert das Charisma dieser spannenden Songschreiberin.
