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Es gibt Konzerte, die mit einem Knall beginnen, und solche, die mit einem Atemholen anfangen. Aldous Harding, das Bühnen-Ich der Neuseeländerin Hannah Sian Topp, entschied sich am gestrigen Montagabend in der Münchner Muffathalle erwartungsgemäß für Letzteres – und hielt diesen angehaltenen Atem dann eineinhalb Stunden lang fest.

Der Abend stand im Zeichen von „Train On The Island„, ihrem im Mai erschienenen fünften Album, mit dem die Künstlerin nach dreijähriger Bühnenabstinenz zurückkehrte.

Eröffnet hatte zunächst Vera Ellen, Label-Kollegin und Landsfrau, die bereits am Vortag ein einstündiges Wohnzimmerkonzert in München gegeben hatte, bei dem auch ihre Bandmitglieder eigene Songs vorstellten. Die intime Atmosphäre des Vortages kam auch bei ihrem Supportset zur Geltung.

Dann Aldous Harding. Sie begann im Stehen und öffnete mit dem Stück „Train On The Island“ einen Raum, in dem die Zeit anders zu vergehen schien.

Danach nahm sie für „I Ate The Most“ und die meisten folgenden Songs auf einem Hocker Platz, als müsste sie sich ausruhen, und auch ihr Gesichtsausdruck verriet eine scheinbare körperliche Beschwertheit, die ihren Ausdruck in den Songs suchte.

Wenn Aldous Harding sang, verzerrte sie das Gesicht, verdrehte die Augen, nahm Haltungen ein, die eher einem Puppentheater als einem Popkonzert entlehnt zu sein schienen. Kein Tick, sondern Methode – die Songs bekamen so Körper, Masken, Figuren.

Was sich von Beginn an einstellte, war jener Widerspruch, der diese Künstlerin so faszinierend macht: eine Stimme von geradezu erdrückender Präsenz, die zwischen Alt und Falsett die Register wechselte, und dahinter ein Mensch, der sichtlich lieber unsichtbar wäre.

Wer weiß, dass Hannah früher offen über Angstzustände gesprochen hat, ahnte, wie viel Überwindung sie dieser Abend gekostet haben mag, der sich in seinem gesanglichen Ausdruck doch so souverän und leicht darbot.

Nach „Venus In The Zinnia“ entfuhr Aldous Harding ein seufzendes „Ey, ey, ey“, offenbar der verstimmten Gitarre geschuldet. Sätze wie „I seem to come out of my shell, do I not“ oder „I can be fun“ wirkten weniger wie Kommentare zu besonderen Bühnenaktionen als wie leise Selbstermutigungen einer sehr schüchternen Person – gesprochen halb zum Publikum, halb zu sich selbst.

Nach „Worms“ räumte Harding minutenlang, umständlich bemüht ihren Hocker beiseite, um „Passion Babe“ zu performen – eine der wenigen stehenden Nummern des Abends, beinahe ein Ausrufezeichen einer Ausnahme-Künstlerin, die das Rampenlicht weder sucht noch ihm ausweicht.

In einer weiteren der langen Pausen zwischen zwei Stücken rief jemand aus dem Publikum ein ermunterndes „We love you“ in die Stille. „It’s so nice, thank you“, antwortete Aldous nach kurzem Innehalten, und man glaubte ihr jedes Wort.

Der Hauptteil verdichtete sich mit „Leathery Whip“, dem neuen „San Francisco“, „What Am I Gonna Do?“ und „Fever“ zu einem Sog, dem sich in der Muffathalle niemand entziehen konnte oder wollte.

„This one is for Vera Ellen“, kündigte Hannah „Warm Chris“ an, das Titelstück des Vorgängeralbums, als Geste an die Support-Kolleg*innen. Und „Coats“, das den Hauptteil beschloss, mit „This one is for me.“ Zwei Widmungen, die zusammen fast eine Poetik ihrer Haltung ergaben – erst die anderen, dann, ganz vorsichtig, sie selbst.

Nach drei Zugaben quer durch ihr Schaffen war der Auftritt dann vorbei, und die Besucher*innen strömten hinaus in die warme Münchner Nacht – ein wenig leiser als sonst, als wollten sie nichts verschütten, und tief beeindruckt von einer Performance, die echte Distanz zuließ, statt Nähe zu simulieren und doch so nahbar und vertraut wirkte.

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