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„Daughter From Hell“ passt beim ersten Lesen als Titel nicht zu der Gracie Abrams, die mit charmantem Indie-Folk-Herzschmerz-Pop in kürzester Zeit Stadien gefüllt hat. Zum bisher mutigsten Album – musikalisch und inhaltlich – der US-amerikanischen Musikerin aber umso besser.

Bei Gracie Abrams ging alles sehr schnell und ja, man muss die Nepo-Baby-Vorwürfe an der Stelle erwähnen. Wäre es so schnell in den Support-Slot von Taylor Swift oder ins Studio mit Aaron Dessner (The National) gegangen, wäre ihr Vater nicht die Regisseur-Ikone J.J. Abrams? Vielleicht nicht. Hat Abrams seit ihrem ersten Song „Mean It“ dennoch nur Banger veröffentlicht? Ganz sicher.

Man hätte nun vermuten können, dass Abrams in ihrer (hoffentlich) glücklichen Beziehung mit Schauspieler Paul Mescal so viel Liebe und Glück empfindet, dass die kommende Platte nur so platzt vor hoffnungsvollen Upbeat-Tracks wie „Close To You“.

Nun, das ist tatsächlich weniger der Fall, der Melancholie-Faktor schnellt stattdessen in die Höhe und mit „Mini Bar“ hat es sage und schreibe ein einziger Song von 16 geschafft, die Herzfrequenz etwas höher schnellen zu lassen.

Aber: Das ist nun wirklich nichts Schlimmes, wenn das Songwriting überzeugt. Auch wenn Abrams hier alles andere als gefälligen Four-to-the-Floor-Pop abliefert, ist sie auch jetzt noch Meisterin der Hooks.

Würden es viele andere Pop-Künstler*innen schaffen, einen tieftraurigen Song über die Herausforderungen mentaler Krankheiten in Beziehungen zu schreiben, der gleichzeitig zum kathartischen Mitsingen einlädt wie „Hit The Wall„?

Die Abgründe, die dieser Song und auch die andere Vorab-Single „Look At My Life“ andeuten, hält das Album vor allem in der Stimmung aufrecht. Es geht um das Nicht-Reinpassen, um das leere Gefühl in vollen Party-Räumen, um mentale Abgründe. Und das auch sehr deutlich, wie in „Death Wish“ oder „The Knife“. Die Bilder werden martialischer, der Auslöser ist zwar immer noch oft die Liebe, aber eben nicht mehr allzu oft. Es ist also nicht länger ein „Ich bin traurig, denn mein Herz ist gebrochen“, sondern ein „Mir geht es mental so schlecht, dass ich nicht genug für dich da sein kann und das bricht mir zusätzlich das Herz“.

Musikalisch hat sich Abrams dafür erneut mit Haus-und-Hof-Produzent Dessner eingesperrt und aus der Trickkiste ungewohnt abwegige Sounds in den altbekannten Indie-Folk-Pop geholt:

Der Titeltrack zittert über tief-verzerrte Gitarren, „Good Reason“ packt Abrams‘ selten gehörte Kopfstimme in den Fokus und beim abschließenden „Cold Goodbyes“ wird es mit einem bauchigen Timbre und reduzierten, an Noise-Gestöber erinnernden Arrangements nochmal dramatisch.

Überhaupt Drama: Abrams ist eine Frau der großen Worte, nicht selten werden Sätze wie „I will carry the pain for my whole life“ („Broke My Heart“) geschrieben, die auf Dauer etwas an Wirkung verlieren.

Viel stärker sind dafür die Momente, in denen das Songwriting andere Perspektiven wagt: Wenn zum Beispiel „Mini Bar“ über das merkwürdige Gefühl auf Parties spricht oder „Humming“ darüber sinniert, wie alle Freund*innen aus Kindheitstagen ihr Zuhause verloren haben, macht das etwas mit einem. Dass Bon Iver im Hintergrund mitsingt, dann zusätzlich auch.

Auf „Daughter From Hell“ macht Gracie Abrams ungewohnt unkonventionellen Pop, der etwas zu sagen hat. Man kann ihr wünschen, dass die Leute ihr weiterhin gerne zuhören.

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