Es begann mit einem Herzen. Überdimensional, skulptural, unübersehbar stand dieses am Eingang des Tollwood-Sommerfestivals und buchstabierte das Motto des gestrigen Freitagabend mit Schiller und Parov Stelar vor: „Mit Gefühl, statt nur dabei – die Rückeroberung der Empathie“. Dass sich diese Rückeroberung bei 31 Grad und aufgewirbeltem Staub vor der Musik-Arena vollziehen sollte, wirkte zunächst wie eine Zumutung, am Ende aber war es fast so etwas wie eine Erfüllung.
Pünktlich um 18:30 Uhr, nachdem El Siciliano den Abend mit seinem DJ Set eröffnet hatte, betrat Christopher von Deylen alias Schiller die Bühne – zunächst allein, umringt von einem halbmondförmigen Pult, das aussah, als hätte er kurzerhand seine gesamte private Synthesizer-Sammlung nach München verfrachtet.
Die offene Seite zum Publikum war eine Geste der Transparenz – man konnte ihm beim Musikmachen zusehen wie einem Uhrmacher bei der Arbeit, während er von Gerät zu Gerät wanderte und Klangflächen schichtete, die das Zelt umhüllten wie warme Luft.
Als Schlagzeug und Gitarren dazukamen, bekam das Ganze Punch – basslastig, energiegeladen, dann wieder fast verträumt, mit xylophonartigen Klängen, die nach Fernweh schmeckten. Dass sein Mikrofon beim ersten Begrüßungsversuch streikte, nahm der Mann, der einst vom Krautrock geprägt wurde, mit stoischer Gelassenheit: „Guten Abend München, guten Abend Tollwood!“.
Der emotionale Kern seines Sets aber kam gegen 19:30 Uhr: Leléka, die ukrainische Sängerin, die 2026 ihr Land beim ESC vertreten hat, stand zum ersten Mal mit Schiller auf einer Bühne. „Für uns ist das eine Weltpremiere“, sagte sie – und als beim dritten gemeinsamen Song ihr Monitor versagte, lachte sie nur: „Das war eine gute Probe. Jetzt nochmal!“
Die Menge wusste beim zweiten Anlauf, was zu tun war, klatschte, tanzte, trug. Lelékas Stimme, auf Ukrainisch singend, legte sich über die hypnotischen Beats wie ein Versprechen. Das Zugabe-Ritual sparte sich von Schiller dann augenzwinkernd: „Wir sind effizient.“ Alle lachten und ahnten, dass der Abend gerade erst warmlief.
Dann, 20:20 Uhr: Nebel. Drei Bläser standen an der Bühnenkante wie Wachposten, die Instrumente fest in der Hand, stolz und mysteriös. Dahinter, die Arme in den Dunst erhoben: Marcus Füreder alias Parov Stelar, der den Elektro-Swing nicht nur erfunden, sondern in die Welt getragen hat, verwandelte die Musik-Arena binnen Minuten in einen einzigen Dancefloor.
Streicher, Bläser, Schlagzeug, Gitarren – ein ganzes Orchester, dazu Cleo Panther, bis 2019 Mitglied von Parov Stelar Band, deren Präsenz allein schon Choreografie war, sowie Sänger Lee Anduze, der später den schönsten Befehl des Abends geben sollte: „put your emotional hands up.“
Was folgte, war weniger Konzert als Séance. Bei „Black Lilies“ flackerten Fragmente des Musikvideos über die Leinwand, dazwischen Bilder, in denen Sepia auf Cyberpunk traf, Maschinen auf organische Körper, Vergangenheit auf Zukunft – Visuals, die nicht illustrierten, sondern selbst erzählten.
Immer wieder brach das Set ins Jazzhafte auf: Der Trompeter lieferte ein Solo von solcher Beherrschung und Klangvielfalt, dass die Halle, seinen Melodien nachsummend, tatsächlich zum Bienenstock wurde.
Der Saxofonist hatte danach leichtes Spiel und die Lacher auf seiner Seite, als er im breitesten Österreichisch verkündete: „Mir san jo Nochbarn“. Ganz nebenbei empfahl er noch die aktuelle Ausstellung des bildenden Künstlers Parov Stelar in dessen Heimatstadt Linz. Ein Multitalent, das wusste man, aber an diesem Abend zählte nur der Beat.
Und die Hitze? Wurde mit jeder Minute drückender, das Zelt stickiger, die Anzüge der Musiker*innen zunehmend dunkler. Doch niemand – weder auf noch vor der Bühne – ließ sich davon beeindrucken. Die Besucher*innen sprangen, tanzten sich die Füße wund und schwitzten sich gemeinsam glücklich.
Gegen Ende ergriff Meister Parov Stelar nochmal selbst das Wort: „Wirklich, jeder Künstler kann sich ein Publikum wie euch nur wünschen“, sagte er und dankte besonders dem Bühnenbildner – einem Münchner, natürlich.
Um 22:00 Uhr war Schluss, und die verschwitzte Menge strömte hinaus ins langsam abkühlende Festivalgelände. Zwei Klangwelten hatte dieser Abend versprochen, ein Universum hatte er geliefert. Die Empathie, so viel stand fest, wurde zurückerobert – nicht mit Parolen, sondern mit Bläsern, Beats und einem überdimensionalen Herzen, das am Ausgang noch einmal grüßte. Man ging vorbei und hätte schwören können, es schlug.






