Auf ihrem siebten Album kommen die Punch Brothers ohne Worte aus. Daher heißt es „The Unsung Adventures Of Punch Brothers“.
Wie es der Gruppe gelingt, althergebrachte Bestandteile und auch ganze Stücke, die als Traditionals schon viele Generationen lang existieren, heute so vorzutragen, dass es nicht staubbehaftet klingt, ist ein Faszinosum. Das liegt daran, wie diese Band schon alleine im Zusammenspiel der Instrumente Steigerungen hinbekommt und dramaturgische Kniffe beherrscht.
Bereits das eröffnende „New Bike“ macht das deutlich. Der Verzicht auf Gesang fördert besonders klar zutage, welche Macht in den Arrangements der New Yorker steckt.
„Found In A Frozen Frog“ etwa liefert nicht nur einen abstrusen Titel, sondern auch quirlige, lebendige Musik, die einen Film vor Augen ablaufen lässt, ausgehend vom Bild eines Frosches, der während des lebendigen Spiels vielleicht langsam auftaut.
„Saturn: Pogo Ball Of The Gods“ könnte sich als Soundtrack für einen „Tom and Jerry“-Zeichentrickfilm mit Auflauern, Verfolgen, gegenseitig Ärgern eignen. Mit Soundtracks hat die Combo tatsächlich Erfahrung, schon vor langer Zeit, gesammelt, etwa für den Streifen „Inside Llewyn Davis“, und das frühere Bandmitglied Gabe Witcher hat einen langen Katalog an Aufträgen aus der Film-Branche abgearbeitet.
Die unbesungenen Abenteuer der Punch Brothers vermögen im besten Fall die Fantasie anzuregen. Und selbst wenn sie das nicht mit jedem Track bei allen Hörer*innen tun, stellen sie eine interessante, konzentration-fördernde Untermalung für monotone Tätigkeiten dar. Voraussetzung ist allerdings, dass man mit dem teils sehr präsenten Fiedel-Klang warm wird.
Die Position der Fiddle-Spielerin und Geigerin hat Brittany Haas vom ausgestiegenen Gründungsmitglied Gabe übernommen, der sich nun völlig dem Kino und Fernsehen hingibt. Die studierte Biologin hält parallel in einer veritablen Bluegrass-Band, Crooked Still, und in einer Folk-Formation für gestrichene Kammermusik namens Hawktail etliche Americana-Traditionen aktiv. Die Kompetenz-Felder der beiden anderen Gruppen lässt sie hier geschickt einfließen.
Brittany komplettiert die Crew um Chris Thile an Mandoline und Bouzouki-Laute, Noam Pikelny am obligatorischen Banjo und an der flach liegenden Steel-Guitar, Chris Eldridge an der Akustikgitarre und Paul Kowert am Kontrabass, der den reizvollen Kontrast zu den verbreiteten Höhentönen sorgt und im kunstvollen und theatralen „Descend, O Diamondback!“ seinen großen Auftritt hat.
Hierzu könnte man sich gut ein Pantomimen-Spiel vorstellen. Die Punch Brothers, die keine Brüder sind, schwächeln hingegen, sobald sie in zu ruhige Fahrwasser geraten, wie beim „Song Of The Water Kelpie“, einem seit 1913 kursierenden traditionellen Lied keltisch-irischen Ursprungs.
Sie glänzen, sobald sie frech Stimuli jenseits von Hörgewohnheiten setzen und Musik wie Hörspiele begreifen, etwa bei ihrer Eigenkomposition „June Apple (Poisoned)“.
Die New York Times suchte anlässlich des Debüts der Gruppe vor 18 Jahren nach einem passenden Begriff für den Stil und entschied sich für „country-classical chamber music“. Hört man heute neue Tracks wie „Le Ruisseau“ oder „Solve Knut (Untied)“ und ihren stillen, ansatzweise symphonischen Charakter, versteht man das und dann passt der Begriff aus der Zeitung von damals auch heute durchaus.
An anderen Stellen müsste man eher von Avantgarde-Freak-Folk-Jazz sprechen. Gerade hier wird es spannend, wenn die Punch Brothers den Horizont gängiger Muster erweitern und Ungehörtes inszenieren.
