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Wer bei Alabama Shakes denkt, der Boden von Alabama und anderen Südstaaten würde unter erdigen E-Gitarren-Riffs erzittern, hat schon lange nicht mehr Brittany Howard und ihre Band gehört oder kennt sie verständlicherweise nicht. Tatsächlich von Southern- und Blues-Rock kommend, ist dieses Talent in Deutschland ein wenig in Vergessenheit geraten.

Vom Solo-Material reüssierte zumindest „Jaime“ über Brittanys verstorbene Schwester in Österreichs Charts. Vor gut zehn Jahren waren Alabama Shakes aber ein richtig präsentes Phänomen. Nun liegt mit „I Must Be Dreaming“ ein in Teilen verträumtes Soul-Werk vor, das sich stilistisch von damals abhebt. Zwei Gemeinsamkeiten gibt es trotzdem: Es setzt auf gute Melodien und charismatischen Gefühlsausdruck.

Stellen wir uns vor, diese neuen Songs liefen irgendwo in einer Kneipe oder Bar im Hintergrund, würden sie auffallen. Man würde sie mit Shazam entschlüsseln wollen, weil sie viel ausstrahlen und jedes einzelne wie eine Andacht wirkt.

Dieser Effekt gilt für die überwiegend sanften Stücke, etwa für den besonders ruhigen Einstieg „Tea Time“, genauso wie für aufgepeitschte Tracks: Da wäre „Friends“, dicht am Rande der Übersteuerung und gesangstechnisch wie eine ungewohnte Mischung aus romantischem Crooning und Punk-Gebrüll.

Auch „How Love’s Supposed To Go“ über Lebenshunger und über Liebe als Kraftquelle kitzelt aus der elektrischen Lead-Gitarre noch den letzten Rest an Leidenschaft heraus. Es scheint, als ginge es hier um alles, Leben und Tod.

Die ansteckend lässige und zugleich beeindruckend intensive Soul-Darbietung „I Feel Hope Coming“ nicht schön zu finden, dürfte schwierig werden, sobald man überhaupt irgendwie Musik mag. „Träume fühlen sich weiter entfernt denn je, es sind schwere Zeiten“, kommentierte Brittany diesen Song im Album-Trailer.

Auch die Verwirklichung des amerikanischen Aufstiegstraums ‚vom Tellerwäscher zum Millionär‘ gehört in diesen Kontext. Deswegen heißt ein Tune hier „American Dream“. Brittany sei immer mit dem Gefühl aufgewachsen, Rechnungen nicht bezahlen zu können, erzählte sie in einem Interview. Als Kind habe sie das geprägt, und auch noch als junge Erwachsene, als sie selbst ihr erstes Geld verdiente, aber viel zu wenig.

Ihre Hoffnung hat sie nicht aufgegeben, hart als Musikerin gearbeitet, den Durchbruch geschafft und damit den „American Dream“ für sich persönlich wahr werden sehen. Sogar die Obamas haben ihr damals geschrieben, als sie (queer und Afroamerikanerin mit ‚weißer‘ Mutter) mit Alabama Shakes so erfolgreich auf der Bildfläche erschien.

Dass es dann bis heute auf dem neuen Album durchaus zu vielen pathetischen Momenten kommt, lässt sich somit nachvollziehen. Das wieder zusammen gefundene Trio aus Alabama konterkariert derweil seine Abhandlungen übers Hoffen und Ausharren zwischen allen Verstärker-Explosionen immer wieder mit süßen Details, zum Beispiel einem Glockenspiel im Song „Another Life“.

„I Must Be Dreaming“ ist ein rundum gelungenes Comeback, das sich zwischen ähnlich authentischen Scheiben altgedienter Kolleg*innen dieser Tage, denen von Erykah Badu, Everlast und Lambchop einfügt, sehr persönlich wirkt, unausgetretene Pfade betritt und zugleich amerikanische Musiktraditionen aufsaugt und in einem aufgefrischten Modus wiedergibt.

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