Man sah sie nicht. Man sah nur, dass sie da war. Das gedämpfte Licht in der Muffathalle schimmerte am gestrigen Dienstagabend seitlich neben Cat Power, ein wenig Schein kam von einer Stehlampe, unter der ihre Noten und die obligatorische Teetasse standen. Und so war von der seit jeher unter Lampenfieber leidenden Chan Marshall wie immer nur ein dunkler Scherenschnitt zu sehen, eine elegante Form des Nichtgesehenwerdens.
Dabei war der Anlass einer, zu dem andere das Flutlicht anwerfen. Ihr Album „The Greatest“ – 2006 in Memphis mit Musiker*innen aus Al Greens Umfeld aufgenommen und dessen Titelsong ein Jahr später von Wong Kar-Wai exzessiv in seinem Film „My Blueberry Nights“ verwendet – feiert 20-jähriges Jubiläum und wird auf der aktuellen Tour mit ihrer Begleitband Dirty Delta Blues (benannt nach den Hauptbands ihrer Mitglieder) komplett nachgespielt.
„Ich weiß nicht, wo ihr vor 20 Jahren wart, aber ich war genau hier“, sagte Chan kurz nach 20:30 Uhr im Halbdunkel zur Begrüßung, und das „hier“ meinte offenkundig keine Stadt.
Die ersten Stücke, „The Greatest“, „Living Proof“, „Lived In Bars“, trug Cat Power noch wie eine Pflichtlektüre vor – korrekt, ohne Unterstreichungen, ganz so, als sei ihr dieses Jubiläumsformat zu eng. Ihr nervöses Zappeln übersetzte sie in kleine, ebenso nervöse Tanzbewegungen, ein ständiges Verlagern des Gewichts von einem Fuß auf den anderen.
Erst mit „Willie“ kam etwas Bewegung in das Set, und bei „The Moon“ zeigte sich, wozu ihre zwei Mikrofone auf der Bühne gut waren. Das eine führte ihre Stimme, das zweite lief über ein Effektgerät. Dieses benutzte Cat Power und der Song wurde unerwartet mit Autotune ins Körperlose gezogen. Ausgerechnet den zartesten Song des Albums verfremdete sie mit Absicht, als wolle sie sagen: Die Sanftheit von damals gibt es nicht mehr zurück.
Nach „Unhate“, der versöhnlichen Fassung von „Hate“, die seit „Covers“ von 2022 das Original vertritt, erklärte Marshall, außer Atem und mit viel Hall auf der Stimme, dass der Titel „The Greatest“ nie ein Superlativ gewesen sei. Es gehe nicht darum, dass sie die Beste sei, sondern sie selbst. Das folgende „Love & Communication“ beendete so wie das Album auch den Hauptteil.
Ohne Pause oder Ansage ging es weiter mit dem zweiten Set. „Manhattan“, in Moll aufgeführt und dem gedämpften Ton des Abends angepasst, war trotzdem das, was es bei jedem Cat-Power-Konzert ist: das Highlight.
Vor „I’ll Be Seeing You“, dem Sammy-Fain-Klassiker von 1938, den sie 2022 auf „Covers“ aufgenommen hat, erkundigte sich Cat Power im Saal, ob „Liebling“ das richtige deutsche Wort für favorite sei und „Kinder“ das für children. Aus dem Abschiedslied, das sonst in Cafés und Parks nach einem verlorenen Menschen sucht, machte Marshall, die 2015 selbst Mutter geworden ist, gestern eine lang gezogene Improvisation über Familien, Babys, die Kinder dieser Welt.
Nach dem Jimmy-McHugh-Cover „I Can’t Give You Anything But Love, Baby“ und nur einer knappen Stunde Spielzeit stellte Chan Marshall ihre Band vor: Judah Bauer, früherer Gitarrist der Jon Spencer Blues Explosion, Gregg Foreman von The Delta 72 an den Keyboards, Erik Paparozzi von Lizard Music am Bass und am Schlagzeug Jim White von Dirty Three – übrigens dieselbe Besetzung, mit der sie 2006 schon die erste „The-Greatest“-Tour bestritt.
Danach hielt sie noch eine – für ihre Verhältnisse lange – Rede. Zunächst der Hinweis „Chin up, phone down“, Kopf hoch, Telefon runter, an die „private street journalists“, wie sie seit Jahren jene Zuschauer*innen nennt, die ihre Konzerte lieber mit dem Handy filmen, als sie anzusehen.
Es folgte ein sehr herzliches „Vergesst nicht, wer ihr seid und wofür ihr steht“ und „I love you so much“. Dann paddelte sie mit den Worten „Gotta catch a plane“ und beiden Armen wie im Kajak von der Bühne – offenbar eine Anspielung auf den alten Vorwurf von Musikjournalist*innen, sie verlasse die Bühne stets so überhastet, als müsse sie noch einen Zug erwischen.
