Manche Alben verlangen Aufmerksamkeit. Andere bekommen sie ganz nebenbei. „Bloodhorse!“ von Grace Cummings gehört eher zur zweiten Kategorie. Das vierte Studioalbum der Singer/Songwriterin aus Melbourne wirkt nie so, als müsse es sich besonders wichtig machen. Stattdessen entwickelt es eine eigene Atmosphäre, in die man erstaunlich leicht hineinfällt.
Schon nach den ersten Tracks wird deutlich, dass Cummings sich nicht auf einen bestimmten Sound festlegen möchte. Jeder Song scheint seinen eigenen Charakter mitzubringen. Mal wirkt die Musik zurückhaltend und beinahe schwebend, dann wieder deutlich intensiver.
Akustische Momente treffen auf größere Arrangements, ruhige Passagen wechseln mit Stücken, die deutlich mehr Druck entwickeln. Trotzdem zerfällt das Album dabei nie in einzelne Teile.
Genau darin liegt eine der großen Stärken der Sängerin von down under. Obwohl sich die einzelnen Tracks voneinander unterscheiden, behalten sie eine gemeinsame Stimmung. Die Australierin schafft eine musikalische Welt, die gleichzeitig warm, leicht düster und irgendwie zeitlos wirkt. Nichts fühlt sich an, als müsste es zwanghaft zum nächsten Song passen. Und gerade deshalb funktioniert das Album als Ganzes.
Im Mittelpunkt steht dabei natürlich ihre Stimme. Sie klingt rau, kraftvoll und manchmal fast verletzlich. Grace Cummings kann einen Song zurücknehmen, ohne ihm die Intensität zu nehmen, und ihn im nächsten Moment wieder deutlich größer werden lassen.
Besonders Stücke wie „I’m Not Crazy“ zeigen, wie wirkungsvoll diese Mischung aus Ruhe und unterschwelliger Spannung sein kann. Der Song bleibt akustisch und beinahe verträumt, trägt aber trotzdem eine gewisse Unruhe in sich.
Was das Album besonders angenehm macht, ist seine fehlende Hektik. Grace gibt einem das Gefühl sie versucht nicht, mit jedem Track einen neuen Höhepunkt zu setzen. Stattdessen darf jeder Song für sich funktionieren. Genau dadurch entsteht ein Flow, der sich hervorragend für einen kompletten Durchlauf eignet.
Man muss nicht ständig aufpassen, um den Longplayer zu verstehen. Gleichzeitig gibt es genug unterschiedliche Momente, damit es nicht eintönig wird. Diese Balance ist vielleicht die größte Qualität von „Bloodhorse!“: Die Musikerin lässt ihrer Musik Raum, ohne dass sie dadurch langweilig wird.
„Bloodhorse!“ ist deshalb kein Album, das man nach einem einzigen Song vollständig einordnen muss. Es funktioniert vielmehr als stimmige Sammlung unterschiedlicher Stücke, die trotz ihrer Unterschiede zusammengehören. Grace Cummings beweist dabei, dass musikalische Vielfalt nicht automatisch Unruhe bedeuten muss. Man kann verschiedene Richtungen einschlagen und trotzdem einen klaren eigenen Vibe behalten.
Am Ende bleibt vor allem ein angenehmes Gefühl. „Bloodhorse!“ ist intensiv, ohne anstrengend zu sein, abwechslungsreich, ohne beliebig zu wirken, und genau deshalb ein Album, zu dem man gerne zurückkehrt.
