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Grace Cummings – Ramona

Wieso ist weniger eigentlich so oft einfach mehr? Klar: viel hilft viel. Wenn man aber beide Euros ins Phrasenschwein versenkt hat, erkennt man oftmals schnell, dass Groß und Laut nur um seiner Selbst willen substanzlos wirkt. Achtung, dritter Einwurf: Qualität vor Quantität.

Oft ist es essentiell, was man nicht sagt, nicht tut, nicht addiert, wenn es etwa um Kunst geht. Was wirkt eher? Dutzende Farben, die wahllos auf die Leinwand geklatscht sind oder ein stimmiges Kunstwerk mit einer eher kleinen, aber gefühlvoll eingesetzten Farbpalette?

Bei Grace Cummings war es bisher mit ihrem romantischen Folk ähnlich: Die Australierin hat sich auf ihren ersten beiden Alben darauf konzentriert, jede Note wirken zu lassen und mit Bedeutung zu versehen. Stets wichtig war dabei aber, dass ihre unverkennbar rauchige Stimme im Vordergrund bleibt.

Auf “Storm Queen” von 2022 funktionierte das ganz bezaubernd und die Reibeisen-Vocals waren stets die Hauptakteure – nur begleitet von sanft gespielten Gitarren, Klavieren, Orgeln und Fiddeln.

“Ramona” stellt zu dieser minimalistischen Maxime nun allerdings die Antithese auf: Groß klingt das dritte Album der Sängerin. Mit voller Band, gar mit Orchester und Chor im Rücken, wächst Cummings’ musisches Ich in Gefilde, in denen es noch nie zuvor war.

Der Opener “Something Going ‘Round” etwa beginnt mit einer fast schon gospelhaften Orgel, stetig pochenden Drums und einem akzentuierten Klavier. Ja, der Gesang ist noch dabei, allerdings fühlt er sich ein wenig verloren an zwischen der Instrumentgewalt – vor allem wenn die fulminanten Streicher einsteigen.

Etwas zurückhaltender zeigen sich Songs wie “On And On”, die ebenfalls mit ganzer Band aufwarten, aber Cummings’ Vocals mehr Raum lassen. Dennoch merkt man, dass sich der Fokus signifikant von der Stimme der Sängerin wegbewegt hat.

Ebenfalls verschiebt der deutlichere Pop-Einschlag die Paradigmen in Cummings’ Songwriting: Von der folkigen Erdigkeit bleibt nur vereinzelt etwas übrig, etwa im romantischen “I’m Getting Married To The War” – sonst wird man aber mittlerweile an gereiften Pop im Geiste von Künstler*innen wie Sharon Van Etten oder Fiona Apple erinnert.

Es ist deutlich, dass Cummings sich neu erfinden und umorientieren will – “Ramona” ist in dem Prozess ein erstes Ausfühlen der neuen Situation. Mutig und vielversprechend ist das, allerdings ist auch eine gewisse durchgehende Unsicherheit zu spüren.

Die Sängerin konzentriert sich so stark auf fulminantes Songwriting, dass sie oft ihre deutlichen Stärken vergisst – obwohl diese noch oft genug durchscheinen. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass die Australierin in die Rolle hineinwächst, die sie für sich selbst vorsieht.

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