Das Gegenteil des Label-Namens City Slang leben Kurt Wagner und sein Ensemble Lambchop auf „Punching The Clown“ aus. Ländlicher könnte die Platte kaum klingen, auch im 18. Jahrhundert zu Johann Sebastian Bachs Zeiten hätte man so musizieren können.
Alles ruht auf Stimmen und Gitarre. Chor-Stimmen, teils sechs, teils sogar 11 an der Zahl, übernehmen praktisch zahlreiche denkbaren Instrumente. Harmonien erwachsen aus den besonnenen Arrangements, bei denen sich die weiblichen und männlichen Stimmen zu einer magischen Grundierung vereinen.
Sind wir seit der Erfindung von Moog-Synthesizern, Korg-Keyboards und Wurlitzer-Orgeln gewohnt, dass flächige Klang-Strukturen durch Tasten und Sequenzierung entstehen, gestalten Lambchop diese nur mit menschlichen Stimmen. Es gibt keine Rhythmus-Sektion, also keinen Bass und kein Schlagzeug, ebenso wenig ein Klavier, wie beispielsweise das vierte Album „Is A Woman“ eines als Hauptzutat hatte – zumindest zählt Pianist Andrew Broder bis heute als offizielles Lambchop-Mitglied.
Das Problem daran ist: Es kann sehr monoton werden, und auf „Punching The Clown“ wird es das. Einseitigkeit ergibt sich auch aus dem Verharren in ein und demselben Tempo.
Kontemplation mag heute Not tun, sinken die Aufmerksamkeitsspannen doch auf ein paar Sekunden. Dagegen kann man Lambchops Album als Heilmittel betrachten, als Training in Geduld, Achtsamkeit und Abwartenkönnen.
Jedoch lohnt sich jeglicher investierte lange Atem dann doch nicht so recht: „Punching The Clown bescheidet sich in Kammermusik, die zuhause aufgenommen sein könnte und sich an ihre introvertierte Grundhaltung klammert.
Weder bleibt viel an Melodie haften (am ehesten noch beim elegischen „Weakened“), noch transportiert sich effektiv viel vom Textinhalt. Da geht es in „The New World Wave“ um solche resignativen Beobachtungen wie etwa, dass jemand seine Gitarre gegen ein Auto tauscht (also mutmaßlich eine teure Gitarre).
In der lakonischen Haltung ist in erster Linie Platz für Stichworte, Assoziationen, Aufzählungen, während mitunter kaum Geschichten zum Tragen kommen.
Die Akustikgitarre, die uns hingegen durchs Album geleitet, ist mit kristallklar in den Vordergrund gerückten Zupf-Orgien omnipräsent. Zudem gibt es noch ein Banjo, und Justin Vernon versetzt es in Schwingung, in dessen Richtung schon das letzte Lambchop-Werk „The Bible“ tendierte.
Vernon ist immer wieder gut für fachfremde Projekte von Avantgarde bis R&B, jenseits von Bon Iver. Dieses Mal könnte man Gospel-Folk dazu sagen. Die Wurzeln liegen jedoch nicht in den amerikanischen Gospel-Chor-Kirchen, sondern beim Lining Out, einer Technik, die sich in den Gottesdiensten in England im 19. Jahrhundert durchsetzte.
Das Prinzip: Ein Vorsänger gibt etwas leicht Mitsingbares vor. Alle im Gotteshaus, ob sie nun Noten und überhaupt Buchstaben lesen können oder gar Analphabeten sind, wiederholen das. Erst später wanderte dieses Prinzip in den USA ein, und es floss in die Appalachen-Volksmusik hinein, an die Lambchop nun erinnern.
Für die Verwirklichung einer Idee zum Selbstzweck ist das eine gelungene Platte, handwerklich beurteilt: Die Historie zu simulieren glückt durchaus und weckt anfangs sogar Neugier. Künstlerisch jedoch fehlt deutlich der Zunder, etwas Nachdruck, salopp gesagt der ‚Wumms‘. Das Ganze bleibt zu träge und beinahe schläfrig.
Trotzdem kann man Wagner loben, weil er uns hier etwas vorlebt, was man öfter bräuchte: Das Verwandeln einer Abneigung in eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Verabscheuten. Denn: „Ich bin kein großer Fan dieses Instruments“, äußerte sich Kurt Wagner über das im Bluegrass verwurzelte Banjo. Derweil findet er: „Wenn man es sich zugesteht, die eigenen Vorurteile zu überwinden, wird man dadurch belohnt, neue Facetten zu entdecken.“
Die rundeste Sache an diesem Konzept scheint im Abschluss-Track „No Chicago“ auf. Hier fließen die Klangschichten des Chors hervorragend ineinander, und die Nummer setzt unter Auflistung einzelner, weltweiter Städtenamen auf Acapella. Es ist der beste Track dieser spleenigen Scheibe.
