Dass Nick Cave And The Bad Seeds einmal vor 50.000 Fans – wie am vergangenen Freitag an Nick Caves ehemaligen Wohnsitz Brighton – auftreten würden, war vor gut 15 Jahren, als er auf der Freilichtbühne Junge Garde in Dresden „Dig, Lazarus, Dig!!!“ vorstellte, bestenfalls zu erahnen.
Am gestrigen Sonntag kehrte der in den vergangenen Jahren von Schicksalsschlägen Heimgesuchte nach Dresden zurück, der Mann, der einst mit The Birthday Party auf dem „Yunkyard“ des Punk in dessen noch glühenden Resten stocherte und inzwischen mit der Kraft von Musik, Spiritualität und dem Zuspruch seines musikalischen Seelenverwandten Warren Ellis eine künstlerische Wirkintensität erreicht hat, die weit über seine Platten hinausgeht, Hilfe zur Lebens-Selbsthilfe via Red Hand Files inklusive.
„Get Ready For Love“ hieß es um 20:00 Uhr vor der Skyline der Altstadt von „fucking Dresden“, programmatisch für die kommenden zweieinhalb Stunden, in denen Publikum und der buchstäblich nahbare Künstler in euphorischer Symbiose verschmelzen, das Auditorium der dynamischen Aura des 68-Jährigen erliegen würde.
„From Her To Eternity“ bescherte den vorderen Reihen dann auch direkt Vollkontakt, Nick Cave blieb, wenn er nicht zu seinem Piano hastete, für die Fans im Wortsinn greifbar, wurde zwischen „Train Long-Suffering“ und „O Children“ zum Entertainer, der während – wer macht das schon – des Konzerts Autogramme schreibt und das Programm mit Humor moderiert.
Die Band spielte leidenschaftlich, wo zur Tour für „The Good Son“ und „Henry`s Dream“ im alten Tempodrom im Berliner Tiergarten noch rechts und links vom Protagonisten Zigaretten in den Gitarrenhälsen vom ehemaligen Bad-Seeds-Musikdirektor Mick Harvey und früherem Gitarrist Blixa Bargeld qualmten, strich dort dato ein entspannter George Vjestica die Saiten und trieb ein rauschhafter Warren Ellis im Umgang mit seinem Equipment Instrumentenbauern sicher manchmal die Tränen in die Augen.
Über der Rhythmusgruppe thronte der stimmgewaltige Chor wie die Engel über einem Michelangelo-Gemälde, befeuerte ein ums andere Mal mit Gospel-Breitseiten die Blues-Rock-Post-Punk-Show, in der Nick Cave das Dunkel in seinen existenziellen Texte in einen Hort der Hoffnung leitete.
Er war dabei sprichwörtlich in – beziehungsweise auf – den guten Händen des Publikums, dirigierte die Einsätze vom wenig ursprungs-konformen „Tupelo“, tränkte „Carnage“ (das Titelstück vom gemeinsamen Album mit seinem Kapellmeister und laut O-Ton der „best song in the world“), „Joy“ oder „Bright Horses“ mit Melancholie, schmorte auf dem „The Mercy Seat“ und weinte den „Weeping Song“.
„Jubilee Street“ eskalierte Ton für Ton zur Soundwand, „I’m vibrating“ donnerte es aus den Boxen und das galt für das gesamte Gelände und das Elbufer ringsum. Am Ende vom epischen „Hollywood“ erlebte eine Besucherin im Arm des Australiers ihren persönlichen „peace of mind“.
In der langen Zugabe flog der „Wild God“ in den Abendhimmel über der Stadt, mit „Into My Arms“ in die Nacht entlassen, leuchtete das Charisma des Nick Cave den Nachhauseweg aus.









