Nick Cave And Warren Ellis – Carnage

Mitte Februar zeigte die Quecksilbersäule in etwa an, wie sich das Leben seit Monaten anfühlt: eingefroren, reduziert, limitiert auf das Nötigste. Nicht anders ging es Nick Cave während des ersten Einschlusses im Frühjahr 2020, gefangen in den eigenen vier Wänden, jedoch mit der Möglichkeit gesegnet, auf dem eigenen Balkon den Himmel zu sehen, den Ort, von wo ihm – seinen Worten folgend – „Carnage“ direkt in den Schoß fiel.

Wenn der Lockdown etwas Positives hat, dann die Funktion des produktiven Katalysators: gemeinsam mit Warren Ellis, dem wohl wichtigsten Soundarchitekten an seiner Seite nach dem Weggang von Mick Harvey, wurde aus acht Songskizzen in kürzester Zeit ein fertiges Album.

Das Duo, unüberhörbar im Stadium des musikalischen Urvertrauens angekommen, war zwar gemeinsam schon für mehrere Soundtracks verantwortlich, feiert in dieser Album-Form jedoch Premiere und bildet auch ohne die – Pandemie-Logistik bedingt fehlenden – Bad Seeds den Klangkatalog der ganzen Kapelle ab.

Ausgesetzt scheint die Trauer-Verarbeitung des Australiers, selbst die „Ghosteen“-Arche segelt nicht mehr ins Offene. Zurück ist Nick Cave als „The Good Son“, der von Schuld und Sühne singt, voller Ehrfurcht nach der “Hand Of God” fleht.

Gleich zu Beginn steht der Büßer knietief im Wasser, „Water, water everywhere, where no bird can fly, no fish can swim“ aus „Tupelo“ fällt dazu ein und auch musikalisch erinnert der Einstieg mehr an sein Frühwerk als an zuletzt veröffentlichte Stücke, orientiert sich „Old Time“ im Anschluss eher an der schemenhaften Aura von „Push The Sky Away“.

Das Piano, die wieder vermehrt eingesetzte Gitarre, fiebrige Synthesizer-Sequenzen, Drumcomputer, Glockenspiel, raunende Background-Chöre und die weinende Violine von Warren Ellis begleiten die weitere Album-Reise durch Alptraum-Collagen, apokalyptische Wälder, vorbei an geschlachtetem Federvieh.

Unheimlich brummt der Bass von „White Elephant“, einem Stück, das sich dramatisch wie eine von Breaking-News-getriggerte Schlafstörung verdichtet, um sich schließlich im Erlösung preisenden Gospel zu ergießen. Sechs Minuten, in denen sich der – stets politischen Themen aus dem Weg gehende – Sänger zeitaktuell wie noch nie positioniert.

Wenn „Albuquerque“ von Fernweh und dem Wunsch nach Normalität träumt, scheint endlich Licht herein. Schwelgende Streicher laufen durch „Lavender Fields“,  Keyboardteppiche schweben über den vom Gemetzel hinterlassenen „Shattered Ground“.

Der „Balcony Man“ hat seine Kanzel wieder gefunden, bleibt in der Verarbeitung dieses polarisierenden Kapitels der Menschheit so demütig wie standhaft, rammt mit Warren Ellis allen, die inzwischen heftig schwanken, einen Fixpunkt für dunkle Stunden ein.

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