Elektronische Musik, aber mach es analog: Während aktuell Streaming-Plattformen von KI-generiertem Slop geflutet werden, könnte man gerade bei elektronischer, oft anonymer Musik kritisch hintefragen, wer überhaupt genau dahintersteckt. Bei Overmono muss sich da niemand sorgen:
Das Brüderduo, bestehend aus Tom und Ed Russell, verwendet für „Pure Devotion“ Synths aus den 70er und 80er Jahren und setzt auf DIY-Ethos. Das Ergebnis klingt angenehm organisch und gleichzeitig tanzbar.
Nochmal zur Erinnerung: Overmonos Debütalbum „Good Lies“ erschien 2023, seitdem hat sich das Duo einen Namen mit einem Mix aus Toms Techno- und UK-Soundsystem-Background, Eds Drum-and-Bass-Anleihen und einem Sammelsurium aus 90s-Dance-Bruchstücken gemacht.
„Pure Devotion“ knüpft daran jetzt an und lehnt sich noch stärker in melancholische Weiten und eher subtile Clubbing-Euphorie.
Zunächst treibt der Opener „Lockup“ den Puls mit gepitchter Stimme und schnellen Rhythmuswechsel erstmal nach oben, ähnlich clubbig wird es im pulsierenden „Even Angels Ghost“ (feat. Kindora) oder dem nach vorne ziehenden „Laxbrook“.
Darüber hinaus setzen Overmono eher durch kleine Details Akzente. Ein schönes Beispiel ist das Zweiergespann aus „Knight In Shining Prada“ (feat. John Joseph Holt), das mit seiner bedingungslosen Monotonie an Spoken Word Acts wie Antony Szmierek erinnern lässt, und dem zutiefst melancholischen „Slowmotion“.
Die Russell-Brüder haben für dieses Album einfach experimentiert, gejammt, ausprobiert. Das Ergebnis klingt angenehm wie aus einem Guss und verzichtet auf den einen großen Moment oder Ausbruch. Stattdessen katapultiert „Pure Devotion“ die Hörer*innen fix aus dem hoch gepitchten Aufmerksamkeits-Chaos der Gegenwart heraus und lässt die Liebe für elektronische Musik ohne durchgedrücktes Gaspedal spüren.
Für späte Festivalsommer mit einer ausgelassenen Menge zu „Gem Lingo (Ovr Now)“ (feat. Ruthven) die Arme in die Lüfte strecken oder beim Club um die Ecke zur (nicht wörtlich zu nehmenden) „Ballad“ (feat. Kindora und Rock Floyd) alle Horror-News kurz ausschalten:
Dieses Album bringt eine gute Grundfläche für den klassischen, monotonen Eskapismus mit. Das klappt auch ohne Hits gut.
