Was lange währt, wird letztlich klug. Phoebe Bridgers ist zurück, und macht es uns nicht mehr ganz so einfach. Sechs Jahre sind eine lange Zeit für eine Musikerin, deren Karriere davon lebt, intime Zustände in scheinbar beiläufige Zeilen zu verwandeln. Seit „Punisher“ avancierte die Songwriterin vom gefeierten Indie-Geheimtipp zur Referenzgröße eines ganzen Songwriter-Pop-Universums.
Sie gründete mit Julien Baker und Lucy Dacus die Supergroup boygenius, gewann Grammys, arbeitete mit Conor Oberst, Taylor Swift, Lorde und Paul McCartney – nur, um anschließend weitgehend aus dem Solobetrieb zu verschwinden.
Ihr drittes Album ist deshalb eines, auf das man im Veröffentlichungsreigen konkurrierender Streamingplattformen tatsächlich hinfiebern konnte. Und als wüsste Bridgers nur zu gut, dass es so ist, pfeift sie direkt auf die Erwartungshaltung und legt mit einem von Vocoder-Effekten überbordenden Opener eine falsche Fährte.
So verstellt und artifiziell hat Phoebe Bridgers bis dato noch nie geklungen. Auch in die Vorabsingle „Lost Boys“ schleicht sich der Effekt noch einmal zwischen die überraschend poppigen Zeilen einer Single, die im Chorus unmittelbar verfängt.
Mit „Kill Me“ an dritter Stelle, das am Ende elektronisch zerstäubt, ist bereits soviel an Novum in die Platte geflossen, dass sie beinahe ausfranzt. Die Arrangements wirken größer, stellenweise auch schwerer greifbar als noch auf „The Punisher“. Americana, Indie-Rock, elektronische Texturen und Ambient-Sounds schieben sich ineinander und konkurrieren bisweilen um die Vormachtstellung.
Orientierung gibt indes immer wieder Bridgers‘ Stimme, die Licht und Schatten streut. Mit den wohlwollenden Tönen in „Bobby“ ist mutmaßlich ihr Partner Robert „Bo“ Burnham gemeint. Wohingegen ihr verstorbener Vater mit weniger schmeichelhaften Zeilen bedacht wird. „crying in a suit and tie / But you should see the other guy,” heißt es bereits mit einer Portion Zynismus in den Vocoder-Zeilen des Openers “The Outside”
Und so ist „Lost Weekend“ auch ein Album der Zerrissenheit. Thematisch steht der Zwist aus Verbundenheit und Trennung, Leben und Tod im Fokus. Etwas, das im Kontext der Künstlerin dann doch wieder seltsam vertraut klingt, weil sie es bereits seit ihrem Debütalbum „Stranger In The Alps“ angelegt hat – auch wenn sie nun überall mit neuen Facetten des Ausdrucks experimentiert.
Phoebe Bridgers ist damit sechs Jahre später wieder dort, wo sie immer am stärksten war: im Zwischenraum von sehr persönlichen Erlebnissen und bisweilen regelreicht punchline-artigen Formulierung, in die jeder seine eigene Geschichte hineindenkt.
