Es gibt Platten, die schon bei ihrem Erscheinen nach Erinnerung klingen. „Everything All The Time“, das Debütalbum von Band Of Horses, war 2006 so eine: Ein Album voller Hall und Weite, das sich anhörte, als hätte man es Mitte der Neunziger in einem Schuppen aufgenommen und erst ein Jahrzehnt später wiedergefunden. 20 Jahre danach feiert die Band es mit einer Welttournee, die am gestrigen Montagabend im Münchner Backstage Station machte.
Die Frage lag nahe: Wie begeht man das Jubiläum eines Albums, das von Anfang an Nostalgie war? Die Antwort lautete familiäre Heimeligkeit. „An Evening With…“ hieß das Format, also keine Vorband, zwei Sets, dazwischen ca. 20 Minuten Pause.
Um 20:15 Uhr ging es – nach „Smile“ von The Fall vom Band – mit nur wenigen Minuten Verspätung los und erwartungsgemäß gehörte der erste Teil dem Debütalbum, das vollständig und in nahezu originaler Reihenfolge gespielt wurde.
Und so kam „The Funeral“, der große Hit, der seither durch unzählige Serien und Filme gereicht wurde, bereits an vierter Stelle – kein aufgesparter Höhepunkt und kein Feuerzeugmoment zum Finale, der Song stand schlicht an seinem Platz.
„Monsters“ zeigte die Band von ihrer gemütlichen Seite, als Schunkel-Rock mit Lagerfeuerwärme, an anderen Stellen ließen The Coral grüßen.
Den Schlusspunkt setzte, wie auf der Platte, „St. Augustine“, hier von Frontmann Ben Bridwell allein an der Akustikgitarre. Ein stimmiges Bild für eine Band, deren Besetzung sich über die Jahre mehrfach geändert hat und die im Kern doch immer seine geblieben ist.
Dafür gab es entsprechend großen Applaus vom Publikum, das in Patagonia-T-Shirts und mit Retro-Frisuren eine wunderbare Reise in die Vergangenheit feierte, als Gitarren noch nach Collegeradio klangen.
Nach der Pause weitete sich der Abend zur Werkschau von Band Of Horses. Es folgten Songs vom zweiten Album „Cease To Begin“ (2007) und der Titelsong des Grammy-nominierten „Infinite Arms“. Dazu kamen „Crutch“ und „For Annabelle“ von „Things Are Great“, mit dem die Band 2022 zur rauen Unmittelbarkeit ihrer Anfänge zurückfand.
In „NW Apt.“ würdigte Bridwell seinen Bassisten Matt Gentling mit einem kurzen Fingerzeig an der entsprechenden Textstelle („we brought a bass player, a cold old soul / and he’s a first-class welcome mat“). Der setzte unbeirrt sein Bassspiel fort, mit breitbeinigen Stadion-Posen, die passenderweise etwas aus der Zeit gefallen schienen.
Überhaupt griff das Spiel der fünf so selbstverständlich ineinander, wie es nur bei Musikern geschieht, die sich nichts mehr beweisen müssen.
In „Detlef Schrempf“, benannt nach dem Leverkusener Basketballer, der in den Neunzigern für die Seattle SuperSonics spielte, in der Heimatstadt von Band Of Horses, begegneten sich das Rheinland und die US-Pazifikküste auf unerwartete Weise.
Zwischen den Songs gluckste und blubberte es spacig aus der Anlage, als sollte keine Stille entstehen, in der jemand eine Ansage hätte erwarten können. Und so beschränkten sich diese auf eine kurze Begrüßung zwischendrin („Munich!“) und den Hinweis, dass am folgenden Tag Tourpause sei und Band Of Horses deshalb an diesem Abend gemeinsam mit dem Saal eine Party feiern wollten.
Mit dem bisher unveröffentlichten „Little Suspect“ gab es einen ersten Ausblick auf das für 2027 angekündigte neue Album, mit „Never Tear Us Apart“ von INXS einen Abstecher in die Achtziger.
Zum Ende erklang „The General Specific“ vom zweiten Album und Bridwell schlug das Tamburin mit einem Drumstick, als hätte er für Feinheiten keine Hand mehr frei.
Eine Zugabe gab es nicht. Stattdessen verteilten Band Of Horses kleine Equipment-Goodies von der Bühne ins lange klatschende Publikum. Ein freundlicher Abschluss eines Konzerts, das die Vergangenheit nicht verlängerte, sondern ein Andenken an sie zelebrierte.







