Erwartungsgemäß klingt „SÉANCE“, der Nachfolger der Get Well Soon Frühjahrs-Ausgabe, auf der Konstantin Gropper seinen bisherigen künstlerischen Werdegang reflektierte, ganz anders als „Minus The Magic“.
Die Idee, eine Platte mit KI-Unterstützung aufzunehmen, wurde vom Protagonisten schnell verworfen. Die Konversation mit den gängigen Assistenten machte auf ihn einen eher spooky Eindruck, daher gab der Pop-Akademie-Absolvent dem aktuellen Werk den Beinamen Gothic-Album.
Zu glatt, zu oberflächlich, zu allgemein das, was aus dem Netz an Input angeboten wurde, und wahrscheinlich ist: kein Algorithmus ist derzeit auch nur annähernd auf Augenhöhe mit Groppers Komponierkunst, ein Mehrwert als „Human Potential Advisor“ ist dato gleich Null.
Konform zur Genre-Zuordnung war vorab der Höreindruck von „Goth 101“, hatte die erste Single doch einen Düster-Touch, den Billy Corgan einst Teilen von „Adore“ mit auf den Weg gab, wobei die Interpretation von Gothic aus dem Hause Get Well Soon ohne Pomp und Pathos auskommt.
Mit erhabener Tiefe durchschreitet der Song, atmosphärisch orchestriert, die Halbschattenwelt, und unter fortlaufend dunkler Grundierung ist es einmal mehr die Varianz des Themas, mit der die Aufnahmen im Verlauf unschwer ihrem Schöpfer zuzuordnen sind.
Selbstredend, dass beim kino-affinen Künstler den „Séance“-Kapiteln Soundtrack-Qualität innewohnt: „Arthus & Harry“ ist eingangs mit dem Charme einer restaurierten Tonspur eines alten Edgar Wallace-Streifens unterwegs, und aus „Hallucination No. 4“ generiert sich ein so komplexes Stück Tonkunst, dass auf dessen Vorlage der Plot eines ganzen Films abgeleitet werden könnte.
Streicher, Glockenspiel, der bereichernde Gesang seiner Schwester: die ganze Schönheit des Klangmoments kostet „Khaleesi“ umfänglich aus, umgibt sich „Nothing Is Lost“ mit kathedraler Würde und warnt „The Undead Choir“ – fast ausschließlich basierend auf der Kraft der Stimmen – vor menschlichem Kontrollverlust.
„IBM7094 & HAL 9000 & Me“ bespielen die frühe Ahnung von der Macht der Maschinen, die auf einer einschmeichelnden Melodie „You Need Me“ flüstern, ob mit ihnen an Bord „The Wreck Of The Deutschland“ im Sturm ihrer Möglichkeiten besteht, bleibt offen.
„Siri, What Ruined The West“: es gibt mehr „Unanswered Questions“ als Lösungen, ein Zustand, der von Konstantin Gropper auf „Séance“ mit eleganten, semi-dystopischen Arrangements untermalt wird.
