Heather Nova spielt Akustikgitarre, Keyboards und Theremin. Prägend für viele Platten, besonders ihre neue „The Orchard„, ist außerdem das Cello. Es passt zu den Texten über die Natur und Heathers Bestreben, der menschlichen Seele auf die Spur zu kommen und ihr Ausdruck zu verleihen. Aus der ganz großen Musikindustrie hat Heather Nova sich längst verabschiedet, aber ihr ist die Gunst des Publikums geblieben, besonders hierzulande. Die Singer/Songwriterin plaudert im Interview über Kindheit und Jugend, Joni Mitchell und das Spielen mit Sprache.
MusikBlog: Der Song „New Life“ auf deiner neuen Platte beeindruckt mich mit seinem schönen und stimmungsvollen Arrangement. Wie würdest du selbst es beschreiben?
Heather Nova: Ich mag, dass du diesen Song ausgewählt hast, denn er ist ein super Beispiel dafür, wie du wirklich nicht weißt, was passieren wird, wenn du ins Studio gehst. Ich hatte die Stücke alle an der Akustikgitarre fertig geschrieben, bevor wir im Studio losgelegt haben. Hinsichtlich der weiteren Ausgestaltung war ich aber blank. Wir hatten dann total viel Spaß mit „New Life“. Ich habe zu Tim, meinem Produzenten, gesagt: ‚Ich möchte hier eine Art tribal vibe, und entsprechend entwickelte er den Beat. Er kümmerte sich außerdem um die Bassline. Wir hatten Spaß wie Kinder, probierten herum, gingen unserem Spieltrieb nach.
MusikBlog: Geht man durch die neuen Songs alle durch, tauchen wiederkehrende Motive aus früheren Platten auf. Da du zu Beginn deiner Laufbahn mal Film studiert hast, kommst du deshalb zu den filmischen Darstellungen in den Songs, oder wie schaffst du es, dass dir, trotz immer wieder identischer Stichwörter, die Ideen nicht ausgehen?
Heather Nova: Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wie man Drehbücher entwirft. Aber, wie du sagst, tauchen in meinen Liedern immer wieder die gleichen Motive auf und ich erkunde sie aufs Neue. Ich schätze, das bedeutet, dass ich in meinem eigenen Leben nicht die Antworten gefunden habe, um auf diese Themen adäquate Antworten zu finden und die Probleme zu lösen, die mit ihnen in Verbindung stehen.
MusikBlog: Das heißt, die Songs sind autobiographisch?
Heather Nova: Ja. Vermutlich ist der Grund dafür, dass ich immer wieder auf diese oder ähnliche Themen zurück komme, dass sich mit unserer Entwicklung, die wir im Leben durchlaufen, die Betrachtung von vielem verändert. Mit dem Alter, mit der Zeit. Somit behandeln die Songs, je älter ich werde, denselben Aufhänger aus immer wieder unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Thema des Verlangens habe ich in der Tat, seit ich Musik schreibe. Das ist eine persönliche Sache von mir.
MusikBlog: Hat das zwingend mit der Natur zu tun?
Heather Nova: Den Sehnsüchten, die ich selber verspüre, komme ich in der Natur am nächsten. Das ist wohl der Grund, weshalb Natur in meiner Musik immer als Inspiration vorhanden ist. Natur ist eine Art Komfortzone für mich, ein Platz, an dem ich entspanne und mich zuhause fühle.
MusikBlog: Das vorherige Studioalbum von dir, „Breath And Air„, hat die Luft im Titel, vorne einen Fisch auf dem Cover, und mehrere Lieder dort handeln vom Element Wasser. Welches der natürlichen Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft prägt dich im Leben und in deinem künstlerischen Schaffen am meisten?
Heather Nova: Die Erde und das Wasser – beide im Gleichgewicht. Mich beeinflussen der Ozean und das Festland gleichermaßen. Im Leben geht es um Balance. Ich bin am Wasser aufgewachsen, natürlich beeinflusst mich das und gibt mir fortwährend Inspiration. Wegen des Fischs: Zwischen Menschen und Tieren beziehungsweise der Natur gibt es eine so starke Verbindung, dass man auch in einem Fisch ein menschliches Wesen sehen kann.
MusikBlog: Mit wachsender Lebenserfahrung, was würdest du rückblickend über den wunderschönen Song „Beginner“ von deinem letzten Album sagen? Mir scheint, von da aus gibt es einen Zusammenhang zur neuen Platte. Und mir fällt immer dieses Hermann-Hesse-Zitat „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ („Every beginning holds a magic within us“) ein.
Heather Nova: Das Zitat finde ich sehr schön, denn jeder Track auf dem Album „The Orchard“ handelt von Neuanfängen. Mir ist sehr bewusst geworden, dass sich mit jedem Ende von etwas eine neue Tür öffnet, selbst dann, wenn es sich um Sorge oder Trauer handelt. Sich herunterziehen zu lassen, ist sehr einfach. Dann verharrt man aber an den Enden von Geschichten, und das passiert mir selber auch. Hier wollte ich nun gezielt heraus aus dieser Misere und nach vorne schauen, also auf die neuen Anfänge, die positiven, die daraus entstehen, wie sich das anfühlt. Und Songs wie „New Life“ und „The Frequency Is Higher“ erzählen, wie Neues aus Ruinen wächst. Etwas endet, aber was kommt Gutes danach?
MusikBlog: Ja, du singst zum Beispiel „Things we leave behind / the dreams unwind“. Die Träume sind dann ein Kontrast zu den Erinnerungen. Um die geht es nach meinem Eindruck im Titelsong, „The Orchard“.
Heather Nova: Ja. Traum einerseits und Erinnerung an etwas Reales andererseits stehen hier zueinander im Gegensatz, und dieses Spannungsverhältnis kommt auch immer wieder auf der Platte zum Vorschein. Der erste Song „The Orchard“ schaut darauf, wie man die Erinnerung an einen so fruchtbaren Moment wie das erste Verliebtsein erweckt. Ich wollte ausdrücken, wie es mit 17 war und was ich damals gehofft und mich gefragt habe und woran ich glaubte, und wie ich da im Gras unterm Apfelbaum liege. Das heißt, wie ich an die Quelle für eine bestimmte heutige Erinnerung möglichst detailgetreu zurück gehe und mir vorstelle, wie es sich für mich mit 17 wirklich anfühlte. Ich habe mich zurückversetzt.
MusikBlog: War das leicht?
Heather Nova: Nein. In unserer Kultur und Gesellschaft ist viel davon die Rede, wie Traumata in uns abgespeichert sind, und wie wir sie mit somatischen Maßnahmen behandeln; das ist unglaublich und ist wichtig. Aber nach meiner Auffassung sollten wir auch einen Zugang zu unseren angenehmen, positiven Erinnerungen finden, denn sie sind ja irgendwo. Sie liegen in uns abgespeichert, verschüttet oft von vielem, was zwischendurch passiert ist, und wir sollten sie aber wiederfinden und nach außen lassen und in die Gegenwart einfügen.
MusikBlog: Wer oder was hindert uns denn daran?
Heather Nova: Nun, mit jedem Herzschmerz, jedem Rückschlag und jeder Enttäuschung schützen wir uns immer mehr, oder neigen zum Selbstschutz. Das ist menschlich, aber dadurch wird es schwieriger, an etwas zu glauben, zu vertrauen, sich fallen zu lassen, verletzbar zu sein – und ich wollte das unschuldige Mädchen von damals wiederherstellen, das Mädchen vor all den ‚Beschädigungen‘. Davon handelt der erste Song „The Orchard“.
MusikBlog: Bei „The Orchard“ musste ich an Joni Mitchell und ihre „Court And Spark“-Phase denken, mindestens musikalisch. War sie ein Einfluss, mit dem du sozialisiert bist? Das heißt, warst du ihrer Musik in deiner Kindheit ‚ausgesetzt‘?
Heather Nova: Als ich acht war, kannte ich alle Lyrics von Joni Mitchells LP „Blue“ auswendig. Sie ist einer meiner ersten Einflüsse und sogar, weil es so lang her ist, ein bisschen verblasst. Als ich Kind war, verstand ich gar nicht so recht, was sie meint. Ich mochte die Melodien, und zum Beispiel, wenn sie „my old man“ sang, wusste ich nicht, dass das ein Slang-Ausdruck für den ‚Boyfriend‘ damals war, und – (lacht) – schon komisch, was so alles verloren geht, wenn man es mit Kinderaugen betrachtet: Ich dachte, sie erzähle von ihrem Opa. Oder bei der Zeile „The bed’s too big / The frying pan’s too wide“ Und mir ging durch den Kopf: Oh, sie hat ein wirklich großes Bett, und – hm – warum ist ihre Bratpfanne so breit? Die Andeutungen und Nuancen habe ich nicht kapiert, insbesondere wenn es um Liebe und Beziehung ging. Da konnte ich Joni mit acht nicht folgen. Aber ich war hingezogen zu ihrer Musik!
MusikBlog: Inwieweit hat sie auf dich abgefärbt?
Heather Nova: Joni Mitchell war ein sehr ursprünglicher Einfluss für mich, weil sie alle weiteren Singer/Songwriter*innen meiner Generation geprägt hat, vor allem die weiblichen. Ich trage sie in mir, ich konnte als Kind auch viele Songs von ihr perfekt singen. Sie hat mich in dieses Musik-Genre eingeführt, hat ihre Seele emotional offengelegt, entblößte, und da spielt ihre Stimme eine große Rolle.
MusikBlog: Interessant übrigens, dass du als native speaker diese Erfahrung mit Jonis Texten gemacht hast. Denkst du an dein nicht-englischsprachiges Publikum, wenn du textest?
Heather Nova: Nein! Ich denke an niemanden, wenn ich meine Wortwahl treffe. Buchstäblich ist es sogar so, dass diese Songs zu mir kommen und in mir etwas ist, dass mich anstößt, diese Songs so herunter schreiben zu müssen. Während ich schreibe, habe ich mein Publikum nicht vor Augen. Es ist eine sehr abgeschiedene Erfahrung, ich isoliere mich, und dann kommt die eine Hälfte der Ideen von irgendwo anders und die andere Hälfte aus mir heraus, und dann fühle ich mich gezwungen die Wörter aufzuschreiben. Ich mache das auch, weil ich mich dadurch lebendig fühle. Ich ziehe Freude daraus, Poesie zu schreiben.
MusikBlog: Zuletzt hast du es einem ja leicht gemacht, auf deiner letzten Tour, die Worte wahrzunehmen, denn die Instrumentierung war recht karg, reduziert, du mit Akustikgitarre, nebst Cellistin. Mehr gab es nicht. Wie war deine Erfahrung mit dieser Kammermusik-Tour?
Heather Nova: Ich habe bereits Gefallen am Cello gefunden, als ich 1993 in London meine erste Band zusammengestellt habe. Damals habe ich Nirvana gehört und solche Sachen und war eigentlich auf eine Rockband. Andererseits fand ich am Cello auch immer attraktiv, wie nah es der menschlichen Stimme kommt, ich mochte die Wärme, Freundlichkeit, Power und das Analoge des Instruments.
MusikBlog: Das war in den 1990ern. Damals hast du auch erlebt, dass dich die Musikpresse in einem Atemzug mit Joan Osborne, Sheryl Crow, Suzanne Vega, Alanis Morissette, Feist und Sarah McLachlan nannte und euch alle in einen Topf warf. Also du als Teil einer ‚Welle’…
Heather Nova: Ja, ja, ich weiß. Aber das fand ich lächerlich, aus dem Grund, dass man damals aus Frauen ein Genre machte. Das fand ich enttäuschend und ehrlich gesagt auch verletzend. Hoffentlich hat sich das geändert.
MusikBlog: Du warst Anfang der 2000er bei V2, jetzt bist du dort wieder. Wie klappt das?
Heather Nova: Für mich geht der Deal auf: Da gibt es ein Gleichgewicht. Wichtig ist, dass ich die Kontrolle über mein geistiges Eigentum habe, und so sollte es generell für Künstler*innen sein.
MusikBlog: Jetzt muss man aber schon die alten Songs wie „Doubled Up“, „Like Lovers Do“, „Walk This World“ oder „London Rain“ aus der Phase erwähnen, als du sie quasi an Sony verkauft hast. Du spielst diese Lieder heute noch, das Publikum will sie auch, wie hast du zuletzt die Setlist zusammen gestellt?
Heather Nova: Ja, es ist schwierig geworden, bei meinem großen Katalog eine angemessene Setlist zu erstellen. Wie soll ich denn jedes Album berücksichtigen? Da kriege ich im Schnitt einen bis zwei Stücke pro Platte an einem Abend unter. (lacht) Man muss so viele Songs auslassen, das ist gar nicht so leicht.
MusikBlog: Zu deiner Biographie gehört das Aufwachsen auf einem Hausboot. Hier hast du das Element ‚Wasser‘ kennen gelernt und auch den Blick auf „The Whole Horizon“. Wie darf man sich das vorstellen?
Heather Nova: Auf einem Hausboot mit 30 Quadratmetern Wohnfläche groß zu werden, mit einer Schwester und einem Bruder, hat sich kuschlig angefühlt. Auf dem Meer den Horizont zu sehen, in die Ferne und Weite zu blicken, gibt dir in deinem Kopf immer die Vorstellung großer Möglichkeiten. Es gibt so vieles, worüber man in Bezug auf meine Kindheit im Wasser reden könnte. Meine Geschwister und ich sind zum Beispiel nicht zur Schule gegangen.
MusikBlog: Tatsächlich?
Heather Nova: Wir haben viel gelesen, geschrieben, mussten uns selbst unterhalten, waren auch handwerklich kreativ. Wir waren in den Siebziger Jahren dort nicht von Bildschirmen abgelenkt. Anhand eines Bob-Dylan-Songbooks habe ich mir selbst das Gitarrespielen beigebracht. Um Klamotten zu waschen, mussten wir an Land erst mal sauberes Wasser dafür an Bord holen. Die Waschtrommel waren wir und stampften auf den Textilien herum. All so etwas hat mich gelehrt bescheiden zu sein.
MusikBlog: Du bist während der letzten Jahre wieder darauf zurück gekommen, ins Wasser zu gehen, oder?
Heather Nova: Ja, beim Segeln. Ich hab mich eine Weile schwer damit getan, Hoffnung zu finden. Aber beim Segeln habe ich sie gefunden, den Sinn für Möglichkeiten und Spielräume hat mir das Wasser gegeben, egal ob es um gesellschaftliche Themen oder anderes geht.
MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.
