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Lady Gaga – Artpop – Eine Reise zum exklusiven Album Preview

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Was trägt man, wenn man Lady Gaga trifft? Die Entscheidung fällt gegen ein kapriziöses Hütchen und auch gegen 15-Zentimeter-Stiefel. Die Königin des Pop um mehr als zwei Köpfe überragen? Undenkbar. Das macht man mit der Queen of England auch nicht. Also doch in Jeans und Shirt in den Flieger nach Berlin. Wenn nicht in der flippigen Hauptstadt, wo dann sollte Lady Gaga Audienz halten? Dann auch noch im Berghain, Deutschlands wohl berüchtigstem und bizarrstem  Club. Aber eben auch Gagas Lieblings-Location seit vielen Jahren.

Neben Presse und Fans findet sich in dem hallenartigen Gebäude auch viel Mehr-oder-Minder-Prominenz ein. Casting-Gewinner, ein bisschen Frühstücksfernsehen, Söhne berühmter Väter. Die zwei Dutzend Fans, die sich vorher in einem Online-Voting gegen Tausende andere behaupten mussten, quetschen sich an die Mini-Bühne, auf der Lady Gaga gleich erscheinen wird. Es ist unfassbar heiß, gegen die Aufregung hilft Bier. Eine DJane macht Stimmung mit seltsam sphärischem Techno. Die Stimmung muss gar nicht mehr zwingend angeheizt werden. Jeder hier weiß, dass er gleich Zeuge eines Stückchens Musikgeschichte werden wird und Lady Gaga nie wieder so nah sein wird. Die Fans scheinen elektrisch aufgeladen vor Spannung, der Rest bleibt interessiert, aber cool.

Bevor die Stimmung von aufgeladen zu langweilig kippt, die Ansage: Frau Gaga wird in ,,wenigen Sekunden“ die Bühne betreten. Die Fans rasten bei der ersten Silbe ihres Namens  aus. Die Musik stoppt und eine kleine, weiß geschminkte Person mit Schnurrbart, schwarzer Reizwäsche und Pelzmantel steht auf der Bühne. Eine frisch erblondete Gaga, die sich dem Ansturm stellt und hoch erhobenen Hauptes den Applaus genießt.  Sie kündigt an, dass wir jetzt ,,alle zusammen ihr neues Album „Artpop“ anhören werden.“ Die Klänge des ersten Titels ertönen bereits, als sie plötzlich mitten im Raum auftaucht und nur 20 Zentimeter entfernt ist. Man könnte ihr jetzt praktisch durch das Haar wuscheln. Sie sieht jünger aus als in den Medien und nett. Sehr, sehr nett sieht sie aus. Sie tanzt und performt ein bisschen mit ihren Fans  und sie sieht aus wie das Mädchen, das sich in den New Yorker Clubs die Nächte um die Ohren schlug, in der Hoffnung auf den ganz großen Erfolg.

Sie hat doch eine Message. Und sehr viele Gesangsstunden hinter sich. Das Mädchen, dass sich ein bisschen besser bewegt als der Rest und so ganz anders tanzt als alle anderen. Geschmeidiger, künstlerischer, studierter. Erotisch, jedoch nie obszön. Sie benutzt ihren Körper wie ein Werkzeug. Obwohl bekannt ist, dass sie seit Jahren an Essstörungen leidet, sieht sie gut aus. ,,Knackig“ kommt einem in den Sinn. Sie marschiert durch die Menge und gibt einem deutschen Modemacher eine Umarmung. Ein Küsschen hätte er auch noch gerne, aber Lady Gaga ist schon am anderen Ende des Raumes und lässt ihn beleidigt zurück. Viele Songs, in die wir ja ,,exklusiv“ reinhören, lassen sich nicht unterscheiden. Alle klingen gleich mutig, gleich laut und exzessiv. Später wird Gaga sagen, die Platte wurde gemacht für ,,this club“, Berghain.

Lediglich ,,Swine“ entführt zum sich Nackt-Machen und auf den Tischen tanzen und dann folgt noch ein Track, der doch tatsächlich Hip Hop-Elemente in sich trägt. (Wer hätte das gedacht?). Die einzige Ballade treibt einem Tränen in die Augen. Oder vielleicht auch Schweiß, seit Gagas Erscheinen scheint es noch heißer geworden zu sein. Sie ist Feuer und Sturm gleichzeitig, eine Naturgewalt  auf zwei durchtrainierten Beinen. Mit ,,Applause“ schließt die Vorführung und Gaga, wie auch ihre Fans brauchen eine kurze Pause.

,,Die Fans“ scheint es in dieser Konstellation nirgendwo so zu geben. Fast alle noch keine 20, beinahe alle die gleichgeschlechtliche Liebe zelebrierend. Ein paar tragen Lippenstift und Glitzer-Leggins, manche Jungs sogar High-Heels. Ob Mann oder Frau, das weiß man nicht so genau. Überhaupt wirken die meisten in ihrer Identität noch eher orientierungslos, aber einen festen Anker finden sie in Lady Gagas Musik. Ein Junge fällt auf, höchstens 15. Karo-Hemd, Brille. Mit ihm hatte man früher Biologie oder Erdkunde und nach dem Abitur kann  man sich nicht erinnern, je mit ihm in einem Klassenzimmer gesessen zu sein. Aber kaum ertönt der erste Klang von „Artpop“ scheinen orgiastische Ströme durch seinen dünnen Körper zu zucken, er tanzt um sein Leben und die ganze Leidenschaft kanalisiert sich in diesen Klängen, dieser Frau. Er ist nicht der einzige: Die Jungs und Mädchen tanzen nicht, sie schlagen in einer exzessiven Wut um sich, schreien jede Zeile eines jeden Liedes heraus und schwitzen sich in Ekstase.

Lady Gaga hat sich frisch gemacht und ist jetzt bereit, Fragen zu beantworten. Sie sieht schon wieder so nett aus. Man will sich zu ihr setzen und eine Folge ,,South Park“ schauen und Pizza essen. Oder sich gegenseitig Zöpfchen flechten. Eine Frage lautet, vergleicht man ihre bisherigen Alben mit „Artpop“, fällt das am weitaus künstlerischsten  aus. Ob ihr das auch aufgefallen sei. Gaga antwortet in sehr deutlichem, gewählten Englisch, dass es nicht ihre Intention sei, ihre Alben zu vergleichen. Sie hat eine Idee zu einem Album und verwirklicht sie. Was davor war, scheint sie beinahe nicht zu interessieren. Sie spricht immer wieder von dem Prozess am Album als ,,Erfahrung“ und ,,Reise“. Ihre Arbeit mit Jeff Koons habe sie als kindliche Freude empfunden und sie fühlt sich geehrt, dass Menschen wie er ihre Intention verstehen. Sie verschmelzt Kunst mit Pop. Kunst ist für sie aber nichts spontanes. Sie betont, Kunst sei Disziplin, Talent und Übung. Jeder sollte kreativ sein und zu seinem Talent stehen. Ein Foto mit der Handykamera zu machen sei für sie keine Kunst. Aber sich selbst ausdrücken und dabei hart zu arbeiten, das sei Kunst.

Auf den wichtigen Listen dieser Welt liegt Lady Gaga in Sachen Einfluss, Macht und Wichtigkeit regelmäßig ganz weit oben. Aber diese Art von Denken liegt ihr fern, ja, begrenzt sie. Sie geht nicht immer gut mit dieser Verantwortung um, auch sie hat schwache und vor allem menschliche Momente. Sie hasst Charts und Rankings. Ihr geht es um die Leidenschaft und um die Power. Sie will ihren ,,kleinen Monstern“ einen Platz voller positiver Energie näher bringen und arbeitet nur für die Fans, mit denen sie in einer sehr engen Verbindung, ja beinahe Symbiose steht.

In enger Verbindung steht sie auch zu Deutschland, beziehungsweise zu Berlin. Hier hat sie sich immer wohlgefühlt, konnte sich so präsentieren wie sie wollte. Diese Affinität geht sogar unter die Haut:  Die krakeligen Zeilen auf der unteren Seite ihres Oberarmes entstammt Rilke. Einen Song auf Artpop hat sie ,,Gypsy“ genannt. Das passt. Außer einem winzigen Zimmer in Chicago besitzt sie nichts an Räumlichkeiten, weil sie das ganze Jahr unterwegs ist. Diese kulturellen Erfahrungen spiegeln sich in den verschiedenen Sprachen wider, die sie für ihre Lieder verwendet. Ein sehr persönlicher Gruß an die Fans sozusagen.

Immer wieder macht sie Kunstpausen und nickt andächtig, wenn die Menge applaudierend zustimmt.  Sie betont, sie sei immer sie, egal, welche Perücken sie trägt oder welches Make Up. Sie macht, worauf sie Lust hat und aus dieser Geisteshaltung ist auch die eher ungewöhnliche Zusammenarbeit mit R’n B-Sänger R. Kelly entstanden. Die Liebe zu Chicago, die Liebe zu seiner Musik (während der Arbeit läuft bei Gaga und ihrem Team R. Kelly in der Endlosschleife. Wer hätte das wieder gedacht?). Beide erarbeiteten einen Song, den man sich kaum vorstellen kann. Was man sich hingegen vorstellen kann, ist dass die beiden sich gut verstanden haben.

Entgegen ihres Auftretens ist Lady Gaga nett, bodenständig und zuvorkommend. Das fordert sie auch von ihren Fans, vor allem in Zeiten von anonymen Shitstorms im Internet. Der Grund dafür liegt in ihrer guten Erziehung. Ihre Eltern investierten jeden Dollar in die kleine Stefani Germanotta, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt. Tanz, Gesang, etc. Und bekamen alles zigfach wieder zurück. Erst letztes Jahr wurde bekannt, dass Lady Gaga ihr Vermögen mit ihrem Vater teilte. Aus Dankbarkeit. Davon spricht sie viel, von Liebe, vor allem zu ihren Fans, die schon mal wochenlang vor ihrem Tonstudio übernachten. Und von Dankbarkeit. Man realisiert, Gaga hat sich hochgekämpft in einem Business, indem man schnell mal seine Ideale vergisst. Zur Königin der neueren Pop-Musik, zum Kunstobjekt. Zur Muse, zum Vorbild. Mit Lady Gaga will man nicht ins Bett, man will mit ihr über Kunst und das Weltgeschehen reden.

Zum Schluss schenkt sie ihren Anhängern eine Live-Performance von ,,Gypsy“. Sie begleitet sich selbst am Klavier, spielt mit den Tonlagen, sucht demonstrativ Blickkontakt. Sie erinnert an den jungen Freddie Mercury. Kein Satz ohne Dramatik, ohne Inszenierung. Ihre Stimme torpediert das Ohr und die Seele. Wenn sie da so singt, ein Zigeuner und Weltenbummler zu sein, glaubt man ihr das. Eine Lady Gaga in einer riesigen Villa und zwei Hunden? Undenkbar. Die Ruhelosigkeit und das Abenteuer treiben sie. Sie erinnert an einen Matrosen, der eine Geschichte vom letzten Seegang erzählt und will, dass du ihm zuhörst. Gaga will das auch. Das Lied ist viel zu kurz, man will mehr hören, mehr Geschichten. Aber dann steht sie auf, lässt sich feiern und verschwindet. Auf zur nächsten Reise.

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