Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Search in posts
Search in pages
Die Heiterkeit (Credit Alina Simmelbauer)

Es steckt kein Kalkül dahinter, wie ich singe – Die Heiterkeit im Interview

Als Die Heiterkeit aus Hamburg 2012 ihr Debütalbum „Herz aus Gold“ veröffentlicht haben, war die Musikwelt gespalten. Die einen hielten den reduzierten Pop mit Stella Sommers nöliger Stimme für Dilettantismus, die anderen für einen Geniestreich des Understatement. Jetzt erscheint die neue Platte namens „Monterey“ und wirkt zwar wieder roh, aber doch durchproduzierter. Ein Gespräch mit Stella über Frauen auf der Bühne, falsche Vorbilder und Hamburg als Standort.

MusikBlog: Stella, Glückwunsch zur zweiten Platte in so kurzer Zeit.

Stella: Dankeschön. Ging das so schnell?

MusikBlog: Das Debüt liegt ja noch keine zwei Jahre zurück, da sind viele neuen Bands langsamer.

Stella: Mhm.

MusikBlog: Auf dem Cover von „Monterey“ finden sich drei echte Pferde in einer kitschigen Ölgemäldelandschaft. Ironisiert ihr damit, dass Frauenbands wie eure nicht nur oft Mädchenbands genannt, sondern insgesamt gern übers Geschlecht definiert werden?

Stella: In erster Linie rührt das Cover von einem Lied auf dem Album namens „Die ganzen müden Pferde“ her, das fanden wir einfach schön. Aber es stimmt schon – ebenso schön fanden wir, wie aufgeladen das Symbol Pferde in Bezug auf Mädchen ist, was sich bei Frauen scheinbar fortsetzt.

MusikBlog: Ist das also als Provokation gemeint?

Stella: Provokation nicht gerade, aber deine Frage zeigt ja schon, wie viel man da rein interpretieren kann; bei Männern hättest du sie ja kaum gestellt. Trotzdem soll das kein kritisches Statement sein; da kann letztlich jeder reininterpretieren, was er möchte.

MusikBlog: Spielt es für euch und das Publikum gar keine Rolle, dass sich da drei Frauen mit dem klassischen Instrumentarium das alte Männerrefugium Rockbühne erobern?

Stella: Im Idealfall ist es doch egal, welches Geschlecht die Menschen auf der Bühne haben.

MusikBlog: Nur dass unsere Gesellschaft von diesem Ideal trotz aller Fortschritte noch weit entfernt ist.

Stella: Das mag sein, aber wir wollen uns da nicht für irgendwas vereinnahmen lassen. Ich hab ohnehin eher das Gefühl, uns da in irgendeine Ecke zu stellen, das machen lustigerweise vor allem Journalisten (lacht). Beim Publikum merke ich da gar nichts. Und ich hatte auch nie das Gefühl, wir hätten Vor- oder Nachteile dadurch, dass wir weiblich sind. Ist doch komisch, dass den meisten Berichten über uns vorangestellt wird, wir seien eine Frauenband. Als würde das irgendetwas ändern. Und vor allem, als wäre es irgendwie bemerkenswert, dass wir mehr als drei Akkorde spielen können.

MusikBlog: Positiv könnte man es doch bewerten, dass Frauen sich oft dem männlich besetzten Wettbewerbscharakter der Musik mit Hochgeschwindigkeit und Gitarrensoli verweigern.

Stella: Aber auch das entkoppelt sich ja zusehends vom Geschlecht und entwickelt sich hin zum Geschmack. Ich persönlich kenne weder Frauen- noch Männerbands, die diesen Contest mitmachen. Aber es gab und gibt genug Muckerinnen wie White Flag oder so, die da mitgemacht haben.

MusikBlog: Ihr dagegen klingt auch auf eurer neuen Platte roh und unausgefeilt. Ist das Teil eures Konzeptes oder euren Fähigkeiten geschuldet?

Stella: Also wir könnten alle auch filigraner, wenn wir wollten. Aber es geht uns eben um die Songs, nicht das Instrumentarium darauf. Das ist auf der Bühne nicht anders. Und das, was du roh und unausgefeilt nennst, ist halt unser Geschmack.

MusikBlog: Der Geschmack des Reduzierten?

Stella: Ja, nicht so überladen, sondern aufs Wesentliche beschränkt.

MusikBlog: Analoger LoFi.

Stella: Das ist ja eher eine Aufnahmetechnik, unsere Platte ist schon durchproduziert. Wir brauchen halt keine Klangteppiche.

MusikBlog: Schon gar nicht für deine Stimme.

Stella: Genau.

MusikBlog: Die ja auch im Gespräch ähnlich, pardon: gelangweilt klingt wie am Mikro.

Stella: Das klingt wirklich nur so. Ich glaube, was uns von anderen Bands mit Popbezug unterscheidet, ist dass wir eher in Richtung Chanson gehen. Andererseits mache ich mir nie große Gedanken darum, wie ich meine Songs nun singe, da steckt kein Kalkül hinter; ich singe sie genau so, wie ich sie singen kann.

MusikBlog: Bist du denn Sängerin, die auch Gitarre spielt oder umgekehrt, Gitarristin, die nebenbei singt?

Stella: Zunächst ersteres, dann eher letzteres, mittlerweile glaube ich beides gleichberechtigt. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich die Lieder nicht mehr am Klavier, sondern an der Gitarre schreibe.

MusikBlog: Klingt nach einer Multiinstrumentalistin.

Stella: Ich hab jedenfalls schon relativ früh mit verschiedenen Instrumenten angefangen – Klavier, Geige. Aber an der Gitarre bin ich nicht ausgebildet, das hat mir meine Mutter beigebracht. Und am Gesang auch nicht; das müsste ich eigentlich mal machen… (lacht).

MusikBlog: Zuweilen erinnert sie an die Lassie Singers, was ja kein schlechtes Vorbild wäre.

Stella: Ich hab auch schon von „Lassie Singers 2.0“ gehört. Solche Vergleiche helfen allerdings nicht viel weiter, und bei der zweiten Platte treffen sie noch weniger zu als bei der ersten.

MusikBlog: Euer eigenes Label gibt euch Vergleiche mit noch größeren Vorbildern auf den Weg: Sonic Youth, Velvet Underground, Pavement, sogar The Cure.

Stella: Das hat, glaube ich, immer eher Bezüge zu einzelnen Songs oder Instrumenten wie das Schlagzeug, das schon mal an Velvet Underground erinnern kann. Was wir selbst allerdings mal behauptet haben, ist wie Pavement zu klingen, weil es sich im Übungsraum so angehört hat. Größere Bedeutung hat das aber nicht. Man selber tut sich bei dem, was man tut, ja am schwersten, es irgendwie einzuordnen. Bei Außeneinschätzungen fehlt dagegen die emotionale Bindung.

MusikBlog: Eine Bindung habt ihr zur Berlin-Österreichischen Band Ja, Panik.

Stella: Die sind auf uns zugekommen, nachdem sie in Hamburg im Übel & Gefährlich gespielt haben und wollten dann auch unsere Platte rausbringen.

MusikBlog: Hat der Standort Hamburg irgendeine Bewandtnis für eure Musik?

Stella: Das ist zufällig der Ort, an dem wir uns getroffen haben und gemeinsam Musik machen. Aber es ist eben auch derjenige, mit einer gut vernetzten, funktionierenden Musikszene und Leuten, die sich für Gitarrenmusik mit deutschen Texten, ach – generell mit Texten interessieren. Das ist längst nicht mehr überall der Fall.

MusikBlog: Trotzdem baut Hamburg da ja auch ab.

Stella: Vor allem, was bezahlbare Proberäume betrifft, ja. Im Moment wohne auch nur ich noch in Hamburg. Unsere neue Schlagzeugerin dagegen in Leipzig, Rabea in Berlin, da proben wir auch. Hamburg war schon mal wichtiger für uns.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

Schreibe einen Kommentar