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Wallis Bird (Credit Jens Oellermann)

Wallis Bird – Architect

Kummer kann einen in den Wahnsinn treiben. Wahlweise auch über ein paar Ländergrenzen hinweg in ein neues Leben, in eine andere Stadt. Mit der Vergangenheit allenfalls als kleine Narbe, die man bei sich trägt. Für Wallis Bird war nach dem Ende ihrer Beziehung klar, dass nicht nur ein emotionaler  Neuanfang her musste, sondern auch ein physischer Abstand von allem Ballast entscheidend dafür sein würde, die kreativen Impulse wieder anzukurbeln. Diese waren im behaglichen Londoner Beziehungsnest etwas eingeschlafen und warteten nur darauf reaktiviert zu werden.

Berlin bot für die irische Künstlerin da genau die richtige Form von Zuflucht, in der sie sowohl ihre persönliche als auch künstlerische Freiheit in vollen Zügen genießen konnte. Eine wichtige Phase, die auch hörbar auf ihrem neuen Album „Architect“ zum Vorschein kommt. Nein, es ist kein Party-Album geworden oder ein über die Stränge schlagendes Produkt vieler durchfeierter Nächte. Vielmehr präsentiert uns Wallis Bird eine Reihe neuer Songs, die eben jene Lebendigkeit der Stadt aufgreifen und diese pulsierend an uns weiterreichen.

Der elektronische Einfluss ist auf dem mittlerweile vierten Studioalbum nicht zu leugnen und steht der lebenslustigen Songwriterin gut, die zugibt monatelang eine Tanzfläche Berlins nach der anderen unsicher gemacht zu haben, um das Gefühl von Losgelöstheit zu spüren. Davon hängengeblieben ist ein um viele elektronische Beats bereichertes Klangspektrum, das verstärkt auf den Rhythmus als Zugpferd setzt und diesen als Ausgangspunkt für jegliche Sound-Experimente nutzt.

Die erste Single-Auskopplung „Hardly Hardly“, die das Album eröffnet, lässt keinen Zweifel daran, dass die nächtlichen Ausflüge in die Clubs deutlich ihre Spuren hinterlassen haben. Und doch definiert sich „Architect“ nicht rein über die Liebe zur elektronischen Musik und verneigt sich vor dieser, sondern hat mehr als das zu bieten. Wie schon auf vergangenen Alben wird man auch auf den neuen Stücken eines nicht finden: Eintönigkeit. Dafür reizt es die quirlige Irin viel zu sehr, die verschiedensten Schubladen aufzureißen und sich aus diesen zu bedienen.

Wallis Bird formt und bastelt ihre Songs auch auf diesem Album ganz nach dem Prinzip zusammen, dass alles seinen Platz hat und es nur darauf ankommt, die verschiedenen Impulse miteinander zu vereinen. So ist es nicht verwunderlich, dass elektronische Dance-Ausflüge auf Singer-Songwriter-Momente treffen oder die behagliche Atmosphäre im nächsten Augenblick von einer dynamisch-aufwühlenden Walze durchbrochen wird.

Die erzeugte Intimität weicht einem Rausch und verwischt die Grenzen, die für Wallis Bird allenfalls auf dem Papier zu existieren scheinen. Mit „Architect“ erweitert die Wahl-Berlinerin ihr musikalisches Eigenheim um eine Etage. Der Ausblick? Lohnt sich.

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