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Wallis Bird (Credit Annett Bonkowski/MusikBlog)

Rekonstruktion nach dem Fall – Wallis Bird im Interview

Erst bröckelt es, dann fallen die sonst so stabilen Wände nach und nach in sich zusammen und am Ende liegt alles in Schutt und Asche. Kein Pfeiler mehr da zum Anlehnen und die traurige Gewissheit: Das war’s. Es ist noch gar nicht lange her, da wurde Wallis Bird mit genau diesem Zustand konfrontiert, den einen das Leben manchmal so trügerisch vor die Füße wirft. Den Scherbenhaufen einer gescheiterten Beziehung hinter sich gelassen, brach die Irin auf der Suche nach Geborgenheit auf und fand in Berlin den passenden Unterschlupf. Doch nicht nur das. Der Ortswechsel beflügelte auch ihre kreative Energie und mündete in neuen Songs, die sich nun auf ihrem vierten Album „Architect“ wiederfinden. MusikBlog traf die sympathische Songwriterin in ihrer neuen Wahl-Heimat und warf mit ihr zusammen einen Blick auf die einstige Baustelle, die die Künstlerin längst als Fundament für einen Neuanfang genutzt hat.

MusikBlog: Ein Architekt verfolgt einen genauen Plan, um seine Ideen in die Tat umzusetzen. Gab es diesen auch bei deinem neuen Album „Architect“ als es darum ging die Songs nach deinen Vorstellungen zu formen?

Wallis Bird: Ja, es gab sogar zwei konkrete Pläne dafür. Zum einen wählte ich den Albumtitel noch weit bevor ich mein Augenmerk überhaupt auf die Songs richtete. Einfach aus dem Grund, weil die Platte davor meinen Namen trug und ich dieses Mal einen richtigen Titel dafür haben wollte. Zum anderen wusste ich, dass ich das Album in einem festgelegten Zeitraum fertigstellen wollte und ich gab mir von Anfang Januar bis Mitte Dezember, um diesen Plan zu verwirklichen. Das hat dann auch erstaunlich gut funktioniert. Es fiel mir dieses Mal ziemlich leicht, das Album Song für Song zusammenzusetzen. Ich war auch viel mehr involviert, was das die zeitliche Einteilung und Strukturierung anging. Sobald ich den Albumtitel ausgewählt hatte, strömten die Ideen nur so aus mir heraus und ich begann, mir die jeweiligen Songs visuell als eine Art Haus vorzustellen, das ich erst einmal bauen musste.

MusikBlog: Welchen räumlichen Assoziationen haben die entstandenen Songs zum Beispiel in dir geweckt?

Wallis Bird: Ein Stück klang zum Beispiel wie ein Glashaus, ein anderes klang meinem Empfinden nach eher wie eine Box usw. Der Albumtitel war so etwas wie das Fundament, auf dem ich alles weitere aufbauen konnte. Hat man diese Grundlage geschaffen, kommt alles andere wie von selbst. Der festgesteckte zeitliche Rahmen hat mir ausserdem dabei geholfen, nebenbei mein Leben zu leben, was sehr wichtig war, damit ich überhaupt etwas hatte, über das ich schreiben wollte. Der ganze Albumprozess hat davon profitiert. Ich sollte das nächste Album auch auf diese Weise anpacken!

MusikBlog: Bei dieser Erfolgsquote solltest du das auf jeden Fall in Betracht ziehen.

Wallis Bird: Das denke ich auch. Ich habe ungefähr siebzig Prozent der Platte zu Hause fertiggestellt. Als ich nach Berlin gezogen bin, hatte ich diese Stimme in meinem Kopf, die mir gesagt hat, dass ich unbedingt ein richtiges Zuhause brauchen würde. Ich habe mich danach gesehnt, ein Bett, ein Sofa und alle meine Habseligkeiten an einem Ort zu haben und mich irgendwo heimisch zu fühlen. Es ist bestimmt zehn Jahre her, dass das der Fall war, also wurde es Zeit, das zu ändern. Ich habe diesen Moment sehr genossen, denn ich konnte einfach einmal meinen Kopf ausschalten und aufhören, mich darum zu sorgen.

MusikBlog: Hast du mit der Suche nach einem persönlichen Zufluchtsort gleichzeitig auch dein musikalisches Zuhause gefunden?

Wallis Bird: Ja, das habe ich. Das Schöne daran ist, dass beide miteinander verschmolzen sind, denn der Ort an dem ich lebe, ist nicht nur ein Wohnraum, sondern gibt mir auch auf musikalischer Ebene den nötigen Freiraum, mich zu entfalten. Die Decken sind zudem unheimlich hoch, was ganz wunderbar für die Akustik ist. Ich lebe mit zwei Freunden zusammen, die mir beigebracht haben, mich auch einmal zu entspannen was meine Arbeit angeht. Ich war so durch den Wind und hatte das Gefühl, über nichts mehr schreiben zu können und sie sagten mir immer „Relax!“. Das habe ich dann auch getan und war danach wieder in der Lage, Musik zu machen.

MusikBlog: Wie bist du mit dieser Flut aus neuen Eindrücken umgegangen, die dich in Berlin erwartet hat?

Wallis Bird: Ich habe meine Ideen unmittelbar aufgenommen, weil es so vieles in meinem Leben gab, das um mich herum passierte. Der Umzug nach Berlin war in vielerlei Hinsicht wie ein Neuanfang für mich, auch weil ich nach einer dreijährigen Beziehung wieder auf mich allein gestellt war. Man erinnert sich an all die Dinge, die man sonst auch immer alleine gemacht hat und knüpft ein wenig an das an. Es ist, als ob man sich selbst wiederentdecken würde. Dazu kommt, dass ich in ein neues Land gezogen bin, das ich auch für mich entdecken wollte. In dieser Phase war alles so neu für mich, dass ich es genoss, diesen Schritt ohne eine klare Vorstellung von meiner eigenen Musik zu gehen. Es ging mir nur darum, mich auf all die neuen Eindrücke einzulassen und keine spezielle Vision von möglichen Songs zu haben. Ich wollte an meinen Ideen arbeiten, meinen Zeitplan einhalten und wenn nötig, erst hinterher verstehen, was ich da eigentlich gemacht habe.

MusikBlog: Mit was für einer Erkenntnis blickst du im Nachhinein auf den Inhalt von „Architect“?

Wallis Bird: Mir ist erst hinterher bewusst geworden, dass ich im Grunde genommen ausschließlich über Sex singe. Das hat mich anfangs auch enttäuscht, was mich persönlich betrifft. Immerhin passiert auf der Welt gerade so viel und es gibt Einiges an spannenden Entwicklungen zu beobachten. Das Gender-Bewusstsein, religiöse Umschwünge oder neu definierte Denkweisen im Allgemeinen – und was mache ich? Ich schreibe Songs über Sex. Dabei beschäftige ich mich sehr intensiv mit dem Weltgeschehen und tausche mich am laufenden Band mit meinen Freunden darüber aus. Und nichts von alldem ist bis in die Songs vorgedrungen. Es war fast so, als ob ich mir selbst in die Tasche lügen würde.

MusikBlog: Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür, dass du diese Aspekte auf deinem neuen Album ausgeblendet hast?

Wallis Bird: Vermutlich ist alles so und nicht anders gekommen, weil ich mich in einer sehr Ich-bezogenen Phase meines Lebens befunden habe. Alles drehte sich nur um mich und meine Wünsche. Da bekommen dann wohl auch die Songs eine ordentliche Portion Egoismus ab und können diese Tatsache nicht leugnen. Ich habe nach dem Ende meiner langjährigen Beziehung jemand anderen kennengelernt und ich habe angefangen, viel über mich nachzudenken. Die Liebe ist für mich das Wichtigste im Leben. Sei es die Familie, dein Liebhaber oder in meinem Fall auch die Musik. Ich verliebte mich also in diese Person, die meine Gefühle aber nicht erwiderte und so verarbeitete ich alles in den neuen Songs und benutzte diesen Zustand als Prämisse für das Album. Schließlich gräbt sich diese Faszination und auch der Schmerz so sehr in dein Leben, dass alles davon beeinflusst wird. Es war seltsam, darüber zu singen, aber es hat mich auch dazu gebracht, absolut ehrlich zu sein. Ich habe darüber nachgedacht, was es heisst, die Frau in einer Beziehung zu sein und die damit verbundenen Erwartungen zu erfüllen. Ich bin nun einmal kein Mann, also verhalte ich mich auch nicht wie einer.

MusikBlog: Diese schmerzhafte Erfahrung hat aber offenbar nicht dazu geführt, dass du dich dadurch gelähmt gefühlt hast. Im Gegenteil.

Wallis Bird: Obwohl ich in diesem Zusammenhang auch einige negative Dinge kreuzte, empfand ich es gleichzeitig auch als schön diese Perspektiven zuzulassen und etwas daraus für mich mitzunehmen. Ich bin normalerweise eine sehr positive Person, die es bewusst vorzieht mit einer bejahenden Einstellung durch das Leben zu gehen. Und so versuchte ich auch diese negative Erfahrung weniger schmerzhaft zu sehen, indem ich mir all die guten Dinge in meinem Leben ins Gedächtnis rief. Ich habe eine wunderbare Familie, tolle Freunde und ich bin gesund. Also höre auf zu jammern! Das heisst aber nicht, dass man den gefühlten Schmerz verdrängen kann oder sollte. Seltsamerweise hat er mir sogar dabei geholfen, wieder – kreativ gesehen – auf die Beine zu kommen. Ich habe plötzlich wieder Spaß daran gehabt, an Songs zu arbeiten. Statt mit gebrochenem Herzen zu verkümmern, habe ich mich motiviert gefühlt. Ich musste den Kopf oben behalten und bin froh, dass mich dieser Zustand dazu beflügelt hat, ein Album zu machen.

MusikBlog: Auf inhaltlicher Ebene ist „Architect“ fest mit der Gegenwart verbunden. Hast du diesen Anspruch auch, was den zeitlichen Bezug auf klanglicher Ebene angeht?

Wallis Bird: Ich glaube schon, denn ich habe mich noch nicht dabei ertappt, dass ich eine 60s Platte machen wollte. Natürlich gibt es Momente, in denen bestimmte Sounds musikhistorische Referenzen aufweisen und man wohl nicht umhin kommt, gewissermaßen einen Klang zu kopieren, aber das geschieht eher unbewusst. Meine natürliche Arbeitsweise tendiert eher dazu, dass ich mich Dingen zuwende, die neu für mich sind. Mein Songwriting kann also weitestgehend als kontemporär bezeichnet werden, auch wenn ich manchmal einen kleinen musikalischen Wink in eine bestimmte Richtung sende, die mich inspiriert hat. Ich will aber nicht eine bloße Kopie von etwas anderem sein und mich selbst überraschen. „Architect“ greift diesen Aspekt der Gegenwart seinem Konzept nach auf, denn die von mir geschaffenen Songs sind ebenso wie ein richtiges Haus kein Produkt für die Ewigkeit. Du musst dich damit abfinden, dass du einen Songentwurf machst, der letztendlich der Gegenwart entspricht und in dieser lebt und atmet.

MusikBlog: Du hast deinen Umzug nach Berlin als allgemeinen Neuanfang für dich persönlich, aber auch für deine Karriere bezeichnet. Hattest du jemals Bedenken, dass du dich in einer Stadt wie Berlin verlieren könntest?

Wallis Bird: Nein, ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass das nicht der Fall sein würde als ich herkam. Mein Herz hing bereits an dieser Stadt, bevor ich die Entscheidung traf dorthin zu ziehen. Zwischen diesem Schritt und der ursprünglichen Idee lagen nur sechs Monate. Ich hatte mir das so sehr in den Kopf gesetzt, dass mein Herz voll und ganz darauf eingestellt war. Insgeheim sagte ich mir immer wieder, dass in Berlin alles besser werden würde. Ich wollte offen für alles Neue sein, viel ausgehen, tanzen und neue Leute treffen. Das bedeutete für mich, dass ich in den ersten paar Monaten in Berlin kaum zum Schlafen kam und ständig unterwegs war. Es war pures Hardcore-Clubbing! (lacht)

MusikBlog: Wie hast du das durchgehalten?

Wallis Bird: Oh, es gab Zeiten, in denen ich mich das selbst gefragt habe. Gesundheitlich war das auf alle Fälle keine gute Idee, denn ich habe gemerkt, dass ich teilweise am Limit war, was mein Verhalten anging. Aber ich brauchte dieses Gefühl so sehr, weil ich sonst verrückt geworden wäre nach allem was passiert war. Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren hier, und jeder Tag fühlt sich wie Urlaub für mich an und dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe gewusst, dass Berlin genau der richtige Ort für mich sein würde, um meinen Kopf freizubekommen. Selbst jetzt hat die Stadt noch denselben Effekt. Es ist unbeschreiblich.

MusikBlog: Was gefällt dir, abgesehen von der großen Club-Landschaft, besonders gut an Berlin?

MusikBlog: Ich mag die Tatsache, dass die Stadt absolut nichts Überhebliches an sich hat. Das geht mir übrigens im Allgemeinen so mit Deutschland. Berlin ist sicherlich noch etwas wilder als der Rest, obwohl man auch wunderbar zur Ruhe kommen kann, wenn man will.

MusikBlog: Ist deine Faszination hinsichtlich elektronischer Musik seit deinem Umzug nach Berlin größer geworden? Du befindest dich nun sozusagen mitten im Mekka.

MusikBlog: Es stimmt schon, dass ich jetzt verstärkt elektronische Musik höre seit ich in Berlin wohne. Wenn ich so zurück denke, war meine erste Berührung mit diesem Genre wohl als ich anfing, mich für Computerspiele zu interessieren. Da gab es dieses Spiel namens „Shinobi“, das mit einer japanischen Melodie unterlegt war, die sehr kraftvoll und eindringlich war. Daran kann ich mich noch gut erinnern, weil es so leidenschaftlich klang. Überhaupt hatten all diese Kampfspiele ziemlich gute Akkorde. Ich dachte mir damals „Wow! Damit kann man Musik machen? Computer können ja singen, cool!“.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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