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Wild Child – Live im Privatclub, Berlin

Man mag dem verwöhnten Berliner Publikum gerne einmal Bequemlichkeit unterstellen. Es muss nicht selten erst aus der Reserve gelockt werden. Im beschaulichen Privatclub herrschte beim Konzert der aus Austin, Texas stammenden Band Wild Child ein so großer Entspannungsmodus, dass die ersten paar Zuschauerreihen sich selbst zu Beginn der Show nicht von ihrer auf dem Boden eingenommenen Sitzhaltung lösten. Statt Aktivität stand wohl eher Komfort oder ein wenig Trägheit auf dem Programm all jener Fans, die es nicht für nötig hielten der sechsköpfigen Band stehend die Ehre zu erweisen.

Ein Unding? Absolut. Und das trotz der behaglichen Klänge, die anfangs noch sanft, dann lauter und forscher aus den Instrumenten drangen. Da brauchte es erst eine kleine Aufforderung von Seiten der Band, um einen Teil des Publikums aus der Sitzstarre zu reissen. Die lahmen Beine wurden endlich in Bewegung gesetzt und Wild Child konnten zum Tanz bitten, der ihnen schon allein aufgrund ihrer sympathisch-beschwingten Art niemand verwehren konnte.

Das Sextett rund um die zwei Stimmen des Abends Alexander Beginns und Kelsey Wilson hätte mit der bunt schimmernden Kriegsbemalung auf den Gesichtern zur Not sicherlich auch um jeden “Sitzgast” gekämpft. Ein wenig erinnerte die Band optisch an eine reisende Hippie-Kommune, die herrlich unkompliziert, gut aufgelegt und mit natürlicher Ausstrahlung ihre Songs zum Besten gab. Wilson tat dies vorzugsweise barfuß, mit verwuscheltem rosa-gefärbten Haar und einem freundlich-offenen Blick, der gerne über die Menge flog oder auf ihrer Geige ruhte.

Laut eigener Aussage war die Band noch nie zu vor so weit von ihrer Heimat entfernt gewesen. Umso herzlicher muss der Empfang auf sie gewirkt haben, als sich alle Fans aufgerafft hatten und in die Singalongs mit einstimmten. Der bittersüße Indie-Pop mit Folk-Einschlägen wirkte teils zart besaitet und intim, dann stellenweise wieder temperamentvoll und vergnügt. Ihr zweites Album “The Runaround” wird zwar erst Ende November in Deutschland erscheinen, das hielt die Fans allerdings nicht davon ab die neuen Stücke warmherzig aufzunehmen und aufmerksam all den Geschichten zu lauschen, die Wild Child mit viel Herzblut vortrugen.

Zwischendurch wurde der im Halbdunkel auf der Bühne geparkte Bassist dann auch schon einmal nach vorne zum Mikro zitiert, um vor versammelter Mannschaft den gelernten Trinkspruch auf Deutsch vorzulesen: “Prost, du Sack!”. Es wurde angestoßen, gelacht und Wild Child ließen dann doch lieber wieder ihre Instrumente sprechen. Bisweilen mit so viel Elan, dass es erstaunlich ist, dass die Texaner ohne einen Gitarristen auskommen. Allein mit Piano, Cello, Geige, Schlagzeug, Bass und der für sie typischen Ukulele entsteht ein dynamischer, niemals allzu schwer auf der Seele lastende Sog, der auch nach eineinhalb Stunden nichts an Lebenslust vermissen lässt.

Es macht den Anschein, dass die Band ewig weiterspielen würde, wenn da nicht die lästige Sperrstunde wäre. Im Zugaben-Set verweilen Beggins und Wilson dann ausnahmsweise für einen Moment nur zu zweit auf der Bühne, auf der sie einen noch unveröffentlichten Track spielen. Für das Finale folgt dann aber die Rückrufaktion der gesamten Band, die etwas länger als gewöhnlich, aber schließlich doch erfolgreich ausfällt. Am Anfang der Show konnten Wild Child laut eigener Aussage kaum glauben in Berlin zu sein, am Ende wirkten sie dagegen schon ganz heimisch und traten mit froh gestimmten Gesichtern die Weiterreise an.

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