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Der Sound als Produkt eines Gruppengefühls – Temples im Interview

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Temples gehören zu diesen Bands, die es dieses Jahr von ihrer englischen Heimat aus hinaus in die weite Welt geschafft und mit dem Sound ihres Debüts „Sun Structures“ dem Psychedelic-Pop-Charme zu neuen Impulsen verholfen haben. Kurz vor ihrer mittlerweile dritten Show in Berlin trafen wir Sänger und Gitarrist James Bagshaw sowie Bassist Thomas Warmsley backstage im Berliner Lido zum Gespräch über die Erlebnisse der letzten Monate, die Re-Animation ihres Debüts in Form des Remix-Albums „Sun Restructured“ und einem kleinen Exkurs über die traditionelle Form des Songwritings. James Bagshaw unterlegt dabei entspannt auf dem Sofa sitzend die jeweiligen Antworten mit Akkorden auf seiner Akustik-Gitarre und liefert damit den inoffiziellen Soundtrack zum Interview.

MusikBlog: Das Jahr 2014 war für euch als Band mit dem Erscheinen eures Debüts „Sun Structures“ und dem darauf folgenden Touren ein sehr intensives. Fühlt es sich rückblickend für euch ebenfalls so an?

James Bagshaw: Ja, das Wort intensiv trifft es ganz gut.

Thomas Warmsley: Gerade jetzt, wo wir wieder auf Tour sind und sich das Jahr dem Ende neigt, wird einem erst recht bewusst, was alles in der Zwischenzeit passiert ist.

James Bagshaw: Wir haben jetzt noch rund zwei Wochen auf Tour vor uns bevor es ein wenig ruhiger wird. Dieses Jahr blieb keine Zeit sich auf irgendetwas anderes als die Band zu konzentrieren. Auf einer Skala von eins bis zehn sind wir definitiv bei der zehn angekommen, was unsere zeitliche Auslastung angeht.

MusikBlog: Wofür hättet ihr, inmitten all dieses Trubels, gerne mehr Zeit gehabt?

James Bagshaw: Wir hätten gerne mehr Zeit dafür gehabt an neuen Songs zu arbeiten. Abgesehen davon vielleicht auch noch für Dinge, die ganz alltäglich sind, wie zum Beispiel einen Ausflug in den Park oder solche Sachen.

Thomas Warmsley: Wenn wir auf Tour sind, bleibt einem kaum Zeit als sich auf das zu konzentrieren, was man gerade tut. Das sind vor allem die Live-Shows. Man richtet seinen Fokus ganz allein darauf und nimmt den Raum um sich herum nicht so sehr wahr wie man es sonst tut. Das Gefühl auf Tour zu sein, ist allerdings sehr inspirierend. Die eigene Wahrnehmung wird ständig mit neuen Impulsen gefüttert, was uns ganz gut tut. Es ist ein schönes Gefühl.

MusikBlog: Gibt es etwas für das ihr euch trotz des straffen Tourplans dennoch immer Zeit nehmt?

James Bagshaw: Ja, das sind vor allem unsere Familien. Wir achten sehr darauf regelmäßig mit ihnen in Kontakt zu sein. Unsere Angehörigen denken wahrscheinlich wird sind noch viel beschäftigter, denn man ist oft so weit von zu Hause weg.

Thomas Warmsley: Und wenn wir nicht bei unseren Familien anklopfen, dann sind wir wieder zurück in diesem Modus, in dem wir ganz fokussiert dem Tour-Alltag nachgehen.

MusikBlog: Wie schafft ihr es diesen Fokus über so lange Zeit aufrecht zu erhalten?

Thomas Warmsley: Es ist gar nicht so schwer, wie man es sich vielleicht vorstellen würde. Wenn wir auf Tour sind, ist es so, als ob wir den ganzen Tag über in so einer Art Luftblase wären, die uns umgibt. Dadurch schwebt man automatisch ganz für sich umher und das Ziel ist immer die nächste Show. Ausserdem haben wir uns in den letzten Monaten als Band ziemlich weiterentwickelt und wissen viel genauer, wie wir mit der jeweiligen Situation umzugehen haben. Das macht sich für uns gerade auf der Bühne bemerkbar, wo wir noch viel enger zusammengewachsen sind. Da ist es viel einfacher gemeinsam den Fokus zu bewahren. Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, schweisst das ungemein zusammen und ein Großteil des Jahres haben wir nun einmal damit verbracht live zu spielen. Deswegen fühlt es sich mittlerweile ganz natürlich an so viel unterwegs zu sein und trotzdem hochkonzentriert zu bleiben und die Dinge im Blick zu haben, auf die es ankommt. Wir haben begriffen, was es heisst als Band auf Tour zu sein und das auch über einen längeren Zeitraum zu tun.

MusikBlog: Inwiefern bleibt euch in dieser Tour-Phase noch Zeit, um kreativ zu sein?

Thomas Warmsley: Genau genommen, sind wir das jeden Abend auf der Bühne, aber für wirkliches Songwriting gibt es in dieser Phase eigentlich kaum einen Platz, weil wir viel zu viel damit beschäftigt sind uns auf die Shows zu konzentrieren. Der Live-Aspekt hat definitiv den meisten Raum eingenommen seit das Album veröffentlicht wurde. Das ist aber absolut nichts Negatives. Im Gegenteil – wir lieben es live zu spielen und uns dort kreativ auszutoben.

MusikBlog: Vor rund einem Jahr stand euer Bandname noch auf den Hotlists für 2014. Dann erschien „Sun Structures“ und ein paar Monate später ist die Platte nicht nur sehr wohlwollend von der Presse und den Fans aufgenommen worden, sondern unter anderem „Record of the year“ bei Rough Trade geworden. Sind all diese Ereignisse schon zur Realität für euch geworden oder fühlt es sich manchmal noch unwirklich an in so kurzer Zeit einen solchen Karrieresprung gemacht zu haben?

Thomas Warmsley: Alles in allem ist es natürlich schon in unser Bewusstsein vorgedrungen, aber dennoch ist es eine ganz besondere Erfahrung für uns all das mit unserem ersten Album zu erleben, was gerade mit uns passiert. Der ganze Prozess der Aufnahmen, dann die Veröffentlichung der Platte sowie die anschließenden Reaktionen sind teils befremdlich, teils überwältigend für uns als Band. Vor allem ist es interessant zu sehen, wie die Dinge sich für uns gestaltet haben und was für Erfahrungen wir dadurch sammeln konnten. Wenn man dann am Ende des Jahres angekommen auf den Bestes-Listen steht, dann ist das natürlich fantastisch. Immerhin sind dieses Jahr eine Menge guter Alben herausgekommen. Da ist es schön zu wissen, dass unsere Songs neben so viel guter Musik noch in den Köpfen der Menschen sind.

MusikBlog: Gab es Momente, die ihr als Band vielleicht gerne länger genossen hättet? Seien es die Aufnahmen zum Debüt oder besonders schöne Erfahrungen, die ihr gemacht habt?

James Bagshaw: Was die Aufnahmen angeht, denke ich nicht, dass ein paar Tage oder Wochen mehr zu einem großen Unterschied geführt hätten. Eigentlich habe ich das Gefühl, dass zeitlich gesehen alles genau richtig für uns gelaufen ist. Das Album hätte aber vermutlich schrecklich geklungen, wenn wir weniger Zeit dafür gehabt hätten (lacht).

MusikBlog: Vor kurzem kam mit „Sun Restructured“ eine Neu-Interpretation eures Debütalbums heraus, das bei weitem mehr ist als eine bloße Aneinanderreihung von Remixen und eher dahin tendiert eine klanglich kohäsive Hörerfahrung für den Rezipienten zu sein. Hat diese Form eurer Songs den ursprünglichen Stücken neue Impulse gegeben?

Thomas Warmsley: Für uns als Songwriter dieser Stücke haben sich eigentlich keine neuen Impulse daraus ergeben. Diese Re-Animation unserer Songs dient eher dazu unseren Fans eine neue Sicht auf unsere Musik zu eröffnen. Sie können die Tracks nun in einem neuen Licht wahrnehmen, was hoffentlich interessant für sie ist. Für uns war es einfach schön zu sehen, was man aus den Songs machen kann, wenn man eine andere Perspektive einnimmt und welches damit einhergehendes Gefühl dadurch entstehen kann. Wir betrachten „Sun Restructured“ wie eine Art guten Kumpel für unser Debüt.

MusikBlog: Gute Remixe zeichnen sich dadurch aus, das sie sich auf interessante Aspekte des Originals konzentrieren und unter Umständen einen ganz neuen Schwerpunkt setzen, der unscheinbare Elemente des Songs in den Vordergrund rückt, was einem bei der Vielschichtigkeit eurer Musik sicherlich nicht einfach gemacht wird.

Thomas Warmsley: Es stimmt schon, was du sagst, denn unsere Songs bestehen aus so vielen Schichten, die einem beim normalen Hören vielleicht gar nicht unbedingt auffallen. Durch das erneute Mixen all dieser unterschiedlichen Aspekte kommen nun Dinge zum Vorschein, die vorher eher unauffällig oder gar nicht sichtbar waren. Ist es nicht so, dass der menschliche Organismus nur eine sehr begrenzte Anzahl an Sounds auf einmal wahrnehmen kann? Sind es sieben? Oder mehr?

James Bagshaw: Ich glaube, es sind mehr als nur sieben. Vielleicht zwölf?

Thomas Warmsley: Wenn du so nett wärst bis zur Veröffentlichung dieses Interviews noch ein wenig nach der richtigen Anzahl zu recherchieren und diese dann anstelle meiner Schätzung vermerken könntest, würde ich halbwegs intelligent klingen (lacht).

MusikBlog: Hattet ihr Bedenken euer Songs in die Hände andere Künstler zu geben, die dann durch Remixe ihre eigene Version davon schaffen?

Thomas Warmsley: Ehrlich gesagt, wussten wir alle nicht so genau, was wir davon erwarten oder wie wir uns das Resultat vorstellten sollten. Ich bin sehr froh, dass die Songs nicht zu einer durchschnittlichen Dance-Remix-Version verkommen sind, sondern man ihre ursprüngliche Gestalt dafür genutzt hat, um ihnen in vielerlei Hinsicht einen neuen Anstrich zu verpassen. Ganz so, als ob wir die Songs imaginär weiter gesponnen hätten. Die Songs hätten ebenso gut in kleine Stücke zerhackt und unter dem Aspekt, was gerade hip ist, wieder mit allerhand Beats versehen an die Oberfläche gelangen können, nur um sie vielleicht zugänglicher für die Masse zu machen.

MusikBlog: Neurologen haben die Leistung des Gehirns und dessen Aktivität beim Musizieren mit einem Ganzkörper-Workout verglichen. Fühlt es sich für euch als praktizierende Musiker ähnlich an?

Thomas Warmsley: Musik ist meiner Meinung nach vergleichbar mit Sex. Der ganze Körper ist dabei aktiv und wenn man so will, ist beides ein Workout (lacht).

MusikBlog: Demnach ist das Musik machen dann beides – anstrengend und anregend zugleich?

Thomas Warmsley: Das ist es auf jeden Fall. Natürlich spielen dabei auch Emotionen eine große Rolle und wir sind als Musiker sehr mit unseren Songs verbunden. Die mentale Komponente ist dabei ebenso wichtig wie all das Körperliche, das beim Musik machen mit einem passiert. Man steckt schließlich viel Energie in all das hinein und möchte, dass es am Ende so klingt, wie man sich das vorgestellt hat. Wenn man sich so in die Musik hineinsteigert, dann kann es auch schon einmal passieren, dass man mitten im Spielen einen Krampf in der Hand bekommt. Die Handgelenke müssen generell ziemlich viel aushalten und können sich ab und zu etwas taub anfühlen.

MusikBlog: Wie lässt sich der Zustand am besten beschreiben, in dem ihr euch befindet, wenn ihr Musik macht?

James Bagshaw: Das lässt sich manchmal gar nicht so einfach sagen, weil man oftmals die Kontrolle über seine Gedanken verliert, wenn man Musik macht. Manchmal steht man auf der Bühne, spielt ein Set und weiss hinterher gar nicht genau, was da alles vor sich gegangen ist, weil man sich so aus dem Geschehen herausgezoomt hat. Dann wiederum gibt es Shows bei denen man jedes noch so kleine Detail wahrnimmt und jedes Geräusch ganz unmittelbar ins Bewusstsein vordringt. Ich glaube die eigene Wahrnehmung einer Show ist teilweise eine ganz andere verglichen mit der des Publikums. Die Fans können begeistert sein, von dem, was du auf der Bühne tust, aber du selbst ärgerst dich über eine bestimmte Sache und bist unzufrieden. Ganz allgemein gesehen, ist das Musik machen aber mit vielen Gedanken verbunden, die einem im Kopf herumschwirren.

Thomas Warmsley: Ich finde es ist eine sehr reaktionäre Handlung. Man reagiert als Musiker auf so viele unterschiedliche Dinge im Raum und die jeweilige Chemie aller Elemente muss stimmen, damit die Erfahrung am Ende gut ist.

MusikBlog: Inwiefern ist eure individuelle Erfahrung als Musiker eine andere verglichen mit alldem, was ihr als zusammen als Band erlebt?

James Bagshaw: Ich denke schon, dass es da einen Unterschied gibt, ob man nun alleine Musik macht oder zusammen in einer Band spielt. Als Band verlässt man sich viel mehr auf einander und man ist nur so gut, wie der Rest der Gruppe. Vieles hängt davon ab, wie gut oder schlecht man als Team zusammenarbeitet. Unser Sound ist sehr wahrscheinlich genau diesem Gruppengefühl zu verdanken, das wir untereinander spüren. Wir wissen das sehr zu schätzen. Wenn wir zum Beispiel eine Radio-Session spielen und nur zu dritt sind, dann kommt das unserem eigentlichen Klangbild nicht wirklich nahe und ist nur ein Bruchteil davon, was wir eigentlich mit unserer Musik ausdrücken wollen.

MusikBlog: Kunst oder auch Musik im Allgemeinen werden oft mit etwas Schönem assoziiert. Habt ihr einmal von all den wunderbaren Erfahrungen der letzten Monate auch eine weniger schöne Seite am Musikerdasein kennengelernt?

James Bagshaw: Rein musikalisch betrachtet, gibt es nichts, was uns negativ aufgefallen ist, aber im Hinblick auf die Musikindustrie und gewisse Strukturen darin gibt es schon ein paar Dinge, die weniger schön sind. Das Musikbusiness ist doch seit Jahren mit vielen Rissen übersät und angeschlagen. Da fällt mir spontan Radio One in England ein. Die Methoden, die bei diesem Sender angewandt werden, sind grauenhaft. Da müsste wirklich einmal ein gewaltiger Umbruch stattfinden und zwar so schnell wie möglich. Das ganze Konzept des Senders und seiner Musikauswahl basiert auf Statistiken, die darauf abzielen ein möglichst gutes Profil hinsichtlich der Hörerschaft zu erstellen. Demnach werden die zu spielenden Songs an ihrer youtube-Popularität und bestimmten Altersgruppen gemessen und so weiter. Musik wird dort nicht gespielt, weil es um den Song oder seine wahre Qualität geht. Es geht nur darum mit welcher Art von Musik der Sender am meisten Geld verdienen kann. Das ist definitiv eine hässliche Seite, was das Musikbusiness betrifft. Schätzungsweise läuft das aber überall auf der Welt so ab, wenn man die großen Sender genauer unter die Lupe nimmt.

MusikBlog: Es ist erschreckend wie sehr die Radiolandschaft mittlerweile zu einer Art Werkzeug verkommen ist, in der Programme entwickelt werden, die errechnen, ob ein Song gut oder schlecht ist oder überhaupt beim Publikum ankommt.

James Bagshaw: Ja, und das Schlimme daran ist, dass der Radio-DJ selbst kaum noch Einfluss darauf hat, was in seiner Sendung gespielt wird. Diese Aufgabe übernimmt der Produzent. Es gibt wohl nichts Unangenehmeres als heutzutage bei Radio One als DJ zu arbeiten, denn man darf wohl höchstens noch einen Knopf drücken und hat ansonsten nicht viel zu melden. Zumindest tagsüber ist das der Fall. Im Nachtprogramm sieht es weniger streng aus. BBC Radio 6 Music ist dagegen die völlige Anti-These zu dieser Form des Radios. Dort wird  Musik noch gespielt, weil ein Team von Musikliebhabern und Kennern wirklich davon überzeugt sind.

MusikBlog: Warum klafft zwischen diesen beiden beliebten Radiosendern deiner Meinung nach so ein großes Loch, was die Ausrichtung und Umsetzung angeht?

James Bagshaw: Ich glaube das hat viel damit zu tun, dass Radio One der größte Sender ist und deswegen auch noch mehr den Anspruch hegt einer Masse gerecht zu werden. Sie brauchen so viele Daten wie möglich, die ihnen sagen, wie diese Masse da draussen überhaupt aussieht und nach was sie letztendlich verlangt. Es ist einfach nur lächerlich, wenn man sich ansieht, zu was das Musikbusiness dahingehend verkommen ist.

Thomas Warmsley: Dabei sieht man doch genau, dass es auch anders geht und man seine Hörer auch auf andere Weise erreichen kann. Es geht nicht immer nur um den finanziellen Profit, der hinter den Songs lauert.

MusikBlog: Habt ihr die Hoffnung, dass sich an diesem festgefahrenen Konstrukt noch einmal irgendwann etwas ändern wird?

Thomas Warmsley: Nein, ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass in dieser Hinsicht ein Wandel eintreten wird. Dafür müssten sich womöglich zu viele Dinge in diesem Business ändern.

James Bagshaw: Dafür müsste sich sehr wahrscheinlich auch das Hörverhalten der Fans ändern, die täglich mit Musik beschallt werden, die ihnen als „beliebt“ oder als „bestes neues Ding“ suggeriert wird. Jeder will schließlich auf dem neuesten Stand sein und vorgeben Ahnung von etwas zu haben und da ist es leichter sich in einem Rahmen zu bewegen, in dem alle mitreden können. Da fällt der Blick auf weniger gängige Musik schwer, die wie eine große Unbekannte daneben steht. Es ist genau dieser Einheitsbrei, der mich am meisten stört. Selbst, wenn Radio One plötzlich auf die Idee kommen würde uns täglich zu spielen, wüsste ich genau, dass sich unsere Musik nicht damit vertragen würde, was sonst im Programm stattfindet.

Unsere Songs wurden nun einmal nicht von fünf Songwritern geschrieben, die darauf aus sind eine halbe Million Pfund dafür zu kassieren. Unsere Absicht ist da eine ganz andere und das hört man unseren Songs auch genau an. Wenn Radio One also meinetwegen auch langsam dahinter kommen würde etwas zu ändern, dann könnte das durchaus eine interessante Entwicklung abgeben. Immerhin hat der Sender nicht mit dieser Vorstellung angefangen und hatte in seiner frühen Phase eine deutlich andere Intention. Momentan gibt es jedoch keinen Platz für Popmusik, die nicht auf Autotune zurückgreift, geschweige denn Gitarren einen etwas größeren Raum bietet.

MusikBlog: Gibt es in der Live-Szene wie zum Beispiel bei Festivals ähnliche  oder vergleichbare Strukturen, von denen ihr Wind bekommen habt?

Thomas Warmsley: Zum Glück ist dieses Gebiet nicht so sehr befangen und darauf aus eine bestimmte Zielgruppe zu bedienen. Es gibt dort definitiv mehr Freiheiten, die Bands können sich besser entfalten und werden nicht so sehr an ihrem Sound gemessen, sondern vielmehr an ihren Live-Qualitäten. Eine Band hat vielleicht kein extrem erfolgreiches Album veröffentlicht, aber wenn sie auf der Bühne steht, sind die Zuschauer jedes Mal total von ihr begeistert. Das ist das Einzige, was bei Shows zählt und das ist auch gut so. Ausserdem ist dieser ganze Live-Zirkus viel sicherer für Bands, denn man kann ihn nicht so gut kontrollieren und auch manipulieren wie zum Beispiel die Radiolandschaft oder die Medien an sich. Es ist einer der wenigen Bereiche, in denen Musiker noch so sein können und dürfen, wie sie eben sind. Man kann das Gefühl einer Live-Show nicht reproduzieren und genau das macht es auch so reizvoll für sowohl die Bands als auch die Zuschauer.

MusikBlog: Das Wort „retro“ wird gerne im Zusammenhang mit eurem Sound genannt, der sich zwar an vergangenen Jahrzehnten orientiert, aber dennoch nicht wie eine bloße Kopie anfühlt oder gar eingestaubt wirkt. Gibt es, einmal von der klanglichen Wirkung eurer Musik abgesehen, etwas das ihr gerne mit dem Begriff „retro“ verbindet?

Thomas Warmsley: Wenn ich das Wort „retro“ höre und an die Musik im Allgemeinen denke, dann gefällt mir daran nach wie vor die Art und Weise wie damals noch Songs geschrieben wurden. Für viele Musiker galt das Songwriting noch als wahres Handwerk, das man wirklich beherrschen musste, damit es gut ist. Der ganze Prozess des Songwritings und die Herangehensweise daran waren viel traditioneller, was unserem eigenen Anspruch an das Musikmachen sehr nahekommt.

Thomas Warmsley: Ich verbinde diese Art des traditionelleren Songwritings mit einer gewissen Intelligenz, die ich den Urhebern zuspreche. Und das meine ich nicht in einem anmaßenden Sinne. Damals wurden einfach viel mehr Zeit und auch viel mehr Gedanken in diesen Prozess gesteckt. Schaue dir doch bloß einmal Songs von Nat King Cole an. Es ist wirklich schwierig diese Art von Musik zu covern, weil einfach so viel in ihr steckt. Vieles von dem ist über die Jahrzehnte völlig in Vergessenheit geraten. Die Melodie als solche scheint nicht mehr so wichtig zu sein. Damals gab es kaum Momente, in denen man sich vorkam, als ob einem etwas Aufgewärmtes vorgesetzt wurde, weil sich nichts zu wiederholen schien. Viele Bands können nicht von sich sagen, dass sie ihren eigenen Sound besitzen.

MusikBlog: Würdet ihr von euch behaupten nostalgisch zu sein?

Thomas Warmsley: Nein, eher intelligent (lacht). Wir setzen uns viel mit unserem Sound auseinander und es gibt nichts, das nicht aus einem guten Grund in dieser Form besteht.

James Bagshaw: Jeder Musiker hat ein wenig Angst davor als nostalgisch zu gelten, weil man damit dem Vorwurf nachgeben könnte rückwärts gewandt zu sein und sich zu wiederholen, aber ich glaube, dass ein wenig Nostalgie doch ganz normal ist und in jedem von uns steckt.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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