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Einstürzende Neubauten – Lament – Auf der Harfe aus Stacheldraht

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Lament steht für Klagelied. Welche Bezeichnung könnte für ein Werk treffender sein, dessen Inhalt der 1.Weltkrieg ist?

Wenn auch sieben Jahre nach „Alles wieder offen“ vergangen sind und gemeinsames Wirken der Band sporadisch bis überhaupt nicht stattfand, bedeutet das natürlich keineswegs musikalische Untätigkeit der Mitglieder von Einstürzende Neubauten. Blixa Bargeld kooperierte mit Teha Teardo, Alexander Hacke war bei Crime & the City Solution und The Ministry of Wolves aktiv und zuletzt mit der Filmmusik zu „The Cut“ beschäftigt. Rudolf Moser ist bei Mosermeyer tätig, Jochen Arbeit beschäftigte sich mit Automat während Instrumentenbauer N.U.Unruh  schon aufgrund seines Namens nicht still stehen kann und das Projekt Bombus betreibt. Alles Beschriebene ist jeweils nur ein Auszug des kreativen Schaffens der Akteure.

War das letzte Album wie auch sein Vorgänger „Perpetuum Mobile“ durch mit Wissen durchtränkter Retrospektive auf Gesellschaft und Bandschaffen sowie den Blick auf Veränderung individueller Lebensumstände der Herren um die Gründer Bargeld und Unruh gekennzeichnet, entstand das neue Werk vor einem anderen Hintergrund. Wie u.a. schon auf „Die Hamletmaschine“, „Faustmusik“ oder „Berlin, Babylon“ wird hier nur ein Thema umfassend behandelt.

Der Auftrag dafür kam aus Belgien. In Diksmuide in der Region Flandern wurde im ersten Weltkrieg die erste Flandernschlacht geschlagen. Im Rahmen der dortigen Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs entstand über ein Jahr hinweg eine Performance in 3 Akten. Naheliegend, die so entstandenen Kompositionen jetzt auf einer Platte, die praktisch Nebenprodukt ist, zusammenzufassen. Diese soll ausdrücklich nicht als Konzeptalbum verstanden werden und auch nichts mit einer Formel „Krieg-bedeutet-Lärm-bedeutet-Neubauten“ zu tun haben. Dem Anlass entsprechend sind die Aufnahmen gedämpft, die typische metallische Geräuschkulisse wird von einem Streicher-Ensemble begleitet.

Die Recherchen dazu waren, dem Ereignis angemessen, umfangreich: von der Reise zu den Kriegsgräbern in Belgien über das Verwerten von Original Tonaufnahmen Kriegsgefangener, die zu sprachwissenschaftlichen Zwecken Bibeltexte lesen mussten. Dazu der Besuch im militärhistorischen Museum Dresden, alles unterstützt von einer Literaturwissenschaftlerin und einem Historiker.

Im der ersten Sequenz von „Lament“ geht es um die Vorbereitung des Gemetzels, „Kriegsmaschinerie“ beschreibt das Aufrüsten, das Füllen der Kriegskassen. „Hymnen“ schmettert den Zeitgeist dieser Epoche heraus und man zuckt kurz zusammen wenn der sonore Männerchor „Heil dir im Siegeskranz/ Herrscher des Vaterlands“ intoniert. Später wird auch die Parodie „Friss in des Thrones Glanz/ die fette Weihnachtsgans/uns bleibt der Heringsschwanz“ eingebunden. „The Willy-Nicky Telegrams“ beschäftigt sich mit der Scheinkommunikation zur Konfliktbewältigung zwischen dem russischen Zar und dem deutschen Kaiser – mehr Bezug zur Gegenwart ist fast nicht möglich.

Teil zwei des Albums beschäftigt sich mit den Kampfhandlungen an sich. „On Patrol In Not Man`s Land“ erzählt darin die Geschichte der Harlem Hellfighter, die als Afroamerikaner wegen der Rassentrennung unter französischer Flagge die Hölle der Front erlebten und deren inkludierte Band den Jazz auf den Kontinent brachte. Das Titelstück der Platte, wenn man es so nennen möchte, gliedert sich in drei Komponenten, „Lament“, „Abwärtsspirale“ und „Pater Pecavi“. Letzteres ist angelehnt an die Motette eines flämischen Komponisten der Renaissance, der sich wie die Audio-Dokumente der Gefangenen mit der biblischen Geschichte des verlorenen Sohnes beschäftigte, allerdings freiwillig.

Der „Lament“ Schlussteil thematisiert die Opfer und den Tod mit dem bewegendsten Moment der Aufnahmen, dem Stück „How Did I Die“. Beginnend mit dem Monolog der auf dem Schlachtfeld gefallenen, die letzten Eindrücke aus dem Schützengraben reflektierenden, Soldaten, erheben diese sich am Ende in ein opulent anschwellendes, orchestrales Finale – darüber zu schreiben war auch für Blixa Bargeld ein harter Brocken. Leider kann man auch ihm später im a-capella vorgetragenen, ewig aktuellen „Sag mir wo die Blumen sind“ auf die Frage „Wann wird man je verstehen?“ nur mit: „Nie“ antworten.

Die Musiker generieren über das Album hinweg in Neubauten-typischer Manier Sounds und Effekte, deren Logik ein Alleinstellungsmerkmal dieser Musiker ist: ein Teil besteht aus mit“statistisch“ bezeichneter Musik, im Stück „Der 1.Weltkrieg“ wurde zu diesem Zweck der Eintritt der einzelnen Staaten in die Kampfhandlungen auf einer zugehörigen Zeitachse in Töne umgerechnet und auf Plastik-Rohren getrommelt.

„Lament“ erweckt nie den Eindruck, intellektuell überfrachtet zu sein, benötigt aber Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Thema und Zeit, um in seiner Komplexität erschlossen werden zu können. Wenn die letzten Töne vom schließenden „All Of No Man’s Land Is Ours“ verklungen sind, schließt sich der Soundtrack zum Grauen, gespielt auf einer – auf Wunsch von Bargeld angefertigten – Harfe aus Stacheldraht.

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