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Philip Selway – Live im Frannz Club, Berlin

So manch ein Musiker, der zum Solo-Sprung ansetzt und das warme Band-Nest  verlässt, sträubt sich dagegen, auch nur annähernd mit seinen musikalischen Wurzeln in Verbindung gebracht zu werden. Nicht so aber ein Philip Selway, dem es offenbar wenig ausmacht, auf seinen Job als Schlagzeuger bei Radiohead angesprochen zu werden. Dieser hat neben dem wunderbaren Support Eaves nicht nur einen Teil der Radiohead-Crew mit sich auf Tour genommen, sondern geniert sich nicht einmal, Equipment-Koffer mit Radiohead-Schriftzug deutlich sichtbar auf der Bühne zu platzieren.

Im Herbst letzten Jahres veröffentliche Selway mit “Weatherhouse” sein bis dato zweites Solo-Album und vertreibt sich nun neben den Studio-Ausflügen mit Radiohead seine Zeit auf seiner Europa-Tour, die ihn gleich als zweite Station in den Berliner Frannz Club führte. Ein Wiedersehen mit der Hauptstadt, das Selway während seiner Show mit einer kleinen Urlaubsanekdote versieht. Immerhin sei er während der Entstehung des neuen Albums eine ganze Woche lang mit seiner Familie in Berlin unterwegs gewesen. Sogar ein Song sei dabei ansatzweise zustande gekommen, als er als Fahrradfahrer durch die Straßen der Stadt düste und “Climbing Up For Air” langsam seine Form annahm.

Praktischerweise sind zwei der Musiker aus seinen Studio-Sessions zu “Weatherhouse” auch live mit dabei und werden noch von einem Schlagzeuger ergänzt, der es schafft, durch sein leidenschaftliches Spiel selbst einer Schlagzeug-Größe wie Selway einen fröhlich-beeindruckten Gesichtsausdruck zu entlocken. Zu viert wechseln die Musiker im Laufe des Abends immer wieder zwischen den Instrumenten hin und her und bewältigen scheinbar mühelos jeden neuen musikalischen Ansatz. Sogar eine singende Säge untermalt mit dem typischen melancholischen Unterton die bisweilen ruhige Atmosphäre.

Ganz bewusst weichen die Live-Versionen der Songs von den Studio-Fassungen ab und breiten sich wie ein warmer Klangteppich vor dem Publikum aus, das bis auf ein paar wenige Ausnahmen sehr aufmerksam dem Geschehen auf der Bühne folgt. Die Arrangements fallen oftmals dichter und ein wenig experimenteller aus, was Selway deutlich in gute Laune versetzt. Mit eleganten Handbewegungen strahlt er am Mikrofon sehr viel Ruhe aus und lässt sich nicht einmal von den vielen Schweißperlen auf seiner Stirn aus dem Konzept bringen.

Als hätten die Schlagzeuger unter sich optisch einen Pakt geschlossen, laufen beide an diesem Abend im feinen Zwirn auf und bestreiten das Set im grauen Anzug. Selway sogar stilecht mit Tuch in der Brusttasche und polierten Schuhen. Passend dazu erhebt sich der Sound im Frannz Club ebenso formvollendet und lässt in so kleinem Rahmen keine Wünsche offen.

Gegen Ende der Show singt Selway in “It Will All End In Tears” die Zeilen “I hate goodbyes, don’t be bitter now” und so schiebt er noch zwei weitere Zugaben hinterher, bevor er sichtlich zufrieden zurückzieht und deutlich macht, dass er auch als Singer-Songwriter absolut sehenswert ist.

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