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Romare (Credit Annett Bonkowski/MusikBlog)

Verträumt, tanzbar und karg – Romare im Interview

Was haben Musik und Bildende Kunst miteinander gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht besonders viel. Für den englischen Künstler Romare jedoch eine ganze Menge. Der Soundtüftler stolperte während seines Studiums an der Universität über den amerikanischen Maler Romare Bearden und verfiel unmittelbar dessen damals bahnbrechendem Stil der collagenhaften Ästhetik. Ab diesem Moment verschrieb sich der Musiker dieser Technik, begab sich immerfort auf die Suche nach dem passenden Sample und reicherte seine Songs mit einer Fülle verschiedener Elemente an, die nun auf seinem Debütalbum „Projections“ in fast einem Dutzend Songs münden, die sich wie kleine Puzzleteile zusammenfügen, aber individuelle Wesenszüge tragen. Wir sprachen mit Romare über seine ästhetischen Vorstellungen, die Musik als heiligen Bestandteil seines Lebens und über sein Idol Romare Bearden sowie dessen Stellenwert für seine eigene Arbeit.

MusikBlog: Draussen fällt ganz friedlich der Schnee. Hast du den heutigen Promo-Tag bisher ebenso beschaulich verbracht?

Romare: Ja, danke, das kann man wohl sagen. Ich war sogar im Funkhaus Berlin (ehemaliger Sitz des Rundfunks der DDR), was ich sehr spannend fand. Es gab dort sogar noch Paternosteraufzüge. Das war cool! Ich bin aber halb in einem hängengeblieben beim Versuch auszusteigen. (lacht)

MusikBlog: Würden dich dieser Ort mit seinen Aufnahmestudios, die sich in dem besagten Gebäude befinden, auch für deine Arbeit reizen?

Romare: Definitiv. Ich mochte die Stille, die dort insgesamt herrschte sehr. Es gab so herrlich viele lange Korridore und es waren kaum andere Menschen zu sehen. Ich habe mich gefragt, ob sie alle in einem geheimen, schalldichten Raum versammelt sind und eine Party feiern, von der niemand etwas mitbekommt. (lacht)

MusikBlog: War es bei den Aufnahmen zu deinem Debütalbum „Projections“ ebenso ruhig oder hattest du mit irgendwelchen Störfaktoren zu kämpfen?

Romare: Ich kann mich eigentlich nicht beklagen, da ich es in aller Ruhe bei mir zu Hause aufgenommen habe. Allerdings würde ich mir für die nächsten Aufnahmen einen Ort wünschen, an dem ich nicht gleichzeitig arbeite und lebe. Es wäre schöner, mein Equipment an einem separaten Platz zu haben und nicht dort, wo ich mir meinen Schlaf gönne.

MusikBlog: Kommen deine Gedanken überhaupt zur Ruhe, wenn du dich nur aus dem Bett rollen musst, um die nächsten Ideen direkt auszuprobieren, weil alles in Reichweite ist?

Romare: Das ist tatsächlich manchmal gar nicht so einfach. Gleichzeitig verleiht diese Atmosphäre meiner Musik einen etwas heimischen Charakter. Ich fühle mich automatisch wohl, wenn ich dort meine Songs aufnehme, weil ich mich so an diese Umgebung gewöhnt habe. Es ist ganz allein mein Ort, an dem ich etwas schaffen kann. Das ist ein schönes Gefühl. Dennoch glaube ich, dass ich als Künstler davon profitieren würde, hätte ich zum Beispiel ein richtiges Studio zur Verfügung. Dann könnte ich alle anderen Aktivitäten, die nicht für die Aufnahmen relevant sind, aus diesem Bereich verbannen. Der Aufnahmeort wären dann etwas Heiliges. (lacht)

MusikBlog: War die Musik dir ebenfalls schon immer heilig?

Romare: Ja, das war sie bis zu einem gewissen Grad schon immer. Viel heiliger als zum Beispiel alles, was mit Religion zu tun hat. Vor allem, wenn man Sounds hört, die wie genau die richtige Kombination aller klanglichen Elemente wirken. Es ist schon ein sehr magischer Moment, dem man sich da hingibt, wenn man so einen Song immer wieder hört, oder dieses Gefühl bei einem Konzert bekommt. Für mich haben solche Momente einen fast schon spirituellen Charakter, der einen zeitweise aus dem Jetzt-Zustand herausreisst, wie bei der Meditation zum Beispiel.

MusikBlog: Erinnerst du dich noch an den Moment, bei dem du das erste Mal so ein Erlebnis mit Musik hattest?

Romare: Ja, und das hatte erstaunlicherweise nichts mit elektronischer Musik zu tun, sondern ist mir im Zusammenhang mit Rock-Musik passiert. Ich habe Iggy Pop & The Stooges mit „I Wanna Be Your Dog“ gehört und war sofort ganz und gar davon eingenommen. Ich wusste zunächst nicht einmal, wen ich da überhaupt hörte, aber habe den Song dann nach einer intensiven Suche schließlich ausfindig gemacht. Danach habe ich ihn ständig gehört. Das raue Wesen des Songs hat mich unmittelbar fasziniert. Mit meinen fünfzehn Jahren verkörperte der Song vieles, was damals in mir brodelte.

MusikBlog: Und trotz dieses Einschnitts hat dich irgendwann die Liebe zu Elektro heimgesucht.

Romare: Das stimmt, obwohl ich vorher auch in Bands gespielt habe, mit denen ich zu Schulzeiten und auch in meiner Uni-Phase einen anderen Weg eingeschlagen habe. Ich mochte einfach Teil einer Band zu sein und aufzutreten. Zuerst war ich als Schlagzeuger unterwegs, später dann als Gitarrist, bevor ich mit dem Singen anfing und zum Bass wechselte. Mit dem Kauf von ein paar Effektgeräten habe ich dann viel herum experimentiert. Das war kurz bevor ich mit Live-Sampling anfing und all das noch ein wenig mehr vertiefte. Ich glaube der Schritt hin zur elektronischen Musik rührte vor allem daher, dass ich diese Art von Musik auch ganz alleine verfolgen konnte. Sobald ich einen Laptop hatte, war das gar kein Problem mehr. Es hat mir großen Spaß gemacht, meine Erfahrungen und musikalischen Vorstellungen ganz gezielt auf so einem begrenzten Raum zum Ausdruck zu bringen. Das fand ich ungemein reizvoll.

MusikBlog: Wolltest du dieses Projekt schon immer solo betreiben?

Romare: Nein, der ursprüngliche Plan sah anders aus, aber es macht doch viele Dinge einfacher, wenn man für alles selbst verantwortlich ist. Es ist eine Herausforderung, aber es war hilfreich, meine Ideen nicht erst mit zwei oder drei anderen Leuten durchzukauen. Ich fand es toll, dass ich mich auch mitten in der Nacht an die Arbeit machen konnte. Musik hat immer mit einem Gefühl zu tun, daher ist es gut, wenn man sich diesem jederzeit hingeben kann, ohne dass man erst eine Bandprobe organisieren muss.

MusikBlog: Wie organisiert bist du denn an die Aufnahmen zu deinem Debüt gegangen?

Romare: Ich würde sagen, dass ich ganz gut darauf vorbereitet war. Ich habe mir sogar extra zwei neue Synthesizer gekauft. Ohne beide wäre zum Beispiel der letzte Track auf dem Album „La Petite Mort“ nicht entstanden. Für viele andere Sounds habe ich mir mein altes Casio-Keyboard geschnappt. Das hat so einen herrlichen 90er Sound!

MusikBlog: Wann war für dich klar, dass all die vor dir liegenden Samples zusammen mit deiner musikalischen Vision ein Album ergeben würden?

Romare: Als ich den Plattenvertrag unterschrieb! (lacht) Da es mein erstes Album ist, habe ich mich auf einem mir bis dahin noch unbekannten Territorium bewegt. Ich wollte mein Debüt vielseitiger gestalten als noch meine EPs. Mehr Songs aufzunehmen, ging für mich mit der Umsetzung von noch mehr Ideen einher. Dabei war es mir wichtig, eine gute klangliche Balance zu schaffen. Bei der Auswahl der Tracks habe ich also immer darauf geachtet, dass die Stücke auch im größeren Bild einen Sinn ergeben und miteinander harmonieren. Ich glaube, die Platte ist eine Mischung aus verträumten, aber auch tanzbaren und kargen Songs geworden. Man kann das Ergebnis mit einer Art Regenbogen vergleichen. Die farbliche Palette spiegelt meinen klanglichen Output wider. Ein Regenbogen kann auch nur existieren, weil er bestimmte Grundfarben enthält.

MusikBlog: Du hast deiner Zeit an der Uni, insbesondere dem Kurs „African-American Visual Culture“ deinen Künstlernamen samt klanglicher Inspiration zu verdanken. Was bedeutet dir dein jetziger Namensvetter Romare Bearden für deine Arbeit?

Romare: Für mich stach Bearden in meinem Studium als Künstler heraus, da er existierende Medienformen mit seiner eigenen Kunst vermischte, insbesondere seine Zeichnungen und Bilder. Er hat auf visueller Ebene genau das gemacht, was mir als Musiker vorschwebte. Ich wollte in meinen Songs ebenfalls Altes mit Neuem verbinden, wie zum Beispiel ungehörte, wenig bekannte Musik mit meinen eigenen Sachen zusammenführen. Das hat mich schon immer fasziniert, weil es sich durch die vielen Samples so anfühlte, als würde ich mit Musikern aus der Vergangenheit jammen. So kann ich mir Aretha Franklin als Sängerin für meinen eigenen Song holen, was ziemlich cool ist. Ausserdem ist es angenehmer als Session-Musikern zu finden. (lacht)

MusikBlog: Gab es Aspekte in Beardens Werk, die du besonders spannend fandest und auf ähnliche Weise unbedingt mit deiner Musik verarbeiten wolltest?

Romare: Ja, ich bewundere zum Beispiel Beardens Fähigkeit, die Balance zwischen all den verschiedenen Elementen in seiner Kunst zu behalten, vor allem was seine Collagen angeht. Er war sehr originell, was das anging. Seine Ästhetik schwankte immerzu zwischen Hässlichem und Schönem oder auch sehr grellen Farben sowie schwarz-weiss Arbeiten. Musikalisch betrachtet, wollte ich auch variieren, was die Stimmung meiner Songs angeht. Ausserdem habe ich einmal ein Interview mit ihm gesehen und fand ihn als Typen sehr sympathisch.

MusikBlog: Was wäre, wenn Bearden noch leben würde?

Romare: Dann würde ich wohl nach Amerika aufbrechen, ihn aufspüren und ihm einen Drink ausgeben. (lacht) Vielleicht würde ich dann ein paar Gemeinsamkeiten entdecken, was uns beide angeht. Bearden hat erstaunlicherweise sogar einen Song komponiert und veröffentlicht, was für einen bildenden Künstler sehr selten ist.

MusikBlog: Was macht deiner Meinung nach eine gute Sound-Collage aus?

Romare: Eine gute Sound-Collage fügt für mich dem ganzen Song, trotz der verschiedenen Einflüsse, einen neuen Aspekt hinzu. Oftmals sind es gerade die Vocals, die dazu beitragen, dass ein Song erst so richtig interessant wird. Es gibt so viele tolle Sänger, die allein durch ihre Art der Phrasierung spannende Impulse liefern, anhand deren man auf ganz neue Dinge stößt. Für mich ist es wahnsinnig interessant, der Stimme in einem Song die passenden Akkorde gegenüberzustellen. Oder du hast eine wunderschöne Violinen-Passage von Debussy und mixt diese mit Gospel-Vocals. Was in der Theorie manchmal komisch klingt, kann in der Praxis durchaus funktionieren.

MusikBlog: Hat jeder Sound das Potenzial, ein Sample zu sein?

Romare: Eigentlich schon, obwohl es ziemlich viel Ausdauer erfordert, den jeweils passenden Sound aufzuspüren. Dafür lege ich manchmal eine gefühlte Ewigkeit eine Platte nach der anderen auf und warte auf den Moment, bis mir das richtige Stück in die Hände fällt. Normalerweise versteckt sich ein potenzielles Sample hinter einem Berg von LPs und ich muss mich schon sehr anstrengen, um es zu finden. Ich warte in dem Fall aber sehr gerne auf diesen magischen Moment, wenn es dann passiert.

MusikBlog: Künstler, die viel mit Samples arbeiten, werden gerne als Diebe dargestellt. Wo ziehst du für dich persönlich die Grenze, wenn es darum geht, dich aus dem Werk eines anderen Künstlers zu bedienen?

Romare: Das ist für mich ganz klar der Fall, wenn ich mir etwas Fremdes aneignen würde und dem nichts Eigenes hinzuzufügen hätte. Obwohl ich es liebe, mit Samples zu arbeiten, bin ich nicht darauf aus, andere Künstler zu beklauen. Sobald ich unoriginell werde und mehr nehme als zurückgebe, ziehe ich die Notbremse. Dann würde ich vorgeben, dass der Inhalt von mir wäre, was einfach nicht stimmt. Daft Punk haben das mit ein paar ihrer Tracks gemacht, was ich nicht cool finde. Ich mag sie als Künstler, aber finde, dass sie teilweise ein bisschen zu weit gegangen sind. Wenn der ganze Song plötzlich nur auf einem Gitarrenriff basiert, das ein Sample ist, dann ist das meinem ästhetischen Empfinden nach der falsche Weg. Das Schlimme daran ist, dass die meisten Hörer ja gar keine Ahnung haben, dass es sich überhaupt um ein Sample handelt. Nur, weil es vielleicht von einer unbekannten Funk-Band aus den 70ern stammt.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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