Es beginnt mit einem Sieg, der wie eine Niederlage klingt: „Orlando’s Victory“ schickt eine spukhafte Klangfläche im Zeitlupentempo durch den Raum, darüber schwebt der Sprechgesang von Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten), kryptisch und diffus.
Willkommen in der Welt von Kiku, dem Schweizer Duo, bestehend aus Yannick Barman und Cyril Regamey, das mit „Suzhou / It’s All The Rage“ wieder mit Blixa Bargeld und dem Berliner Rapper Black Cracker gemeinsame Sache macht. Nach „Marcher sur la tête“ (2015) und „Eng, Düster Und Bang“ (2017) ist es das dritte gemeinsame Album dieser eingespielten Konstellation.
Die ersten vier Titel des neuen Werks wirken wie Szenen eines Theaterstücks und fügen sich zu einem dunklen, orchestral aufgeladenen 80s-Goth-Sound zusammen.
„The Number Of The Millibeast“ bleibt im Spuk-Modus und spricht dem titelgebenden Ungeheuer Suzhou die teuflische Zahl 0,666 zu, während Blixa Bargeld mit verschiedenen abstrakten Stimmen experimentiert, als würde er ein Hörspiel im Alleingang bestreiten.
Im Titeltrack „Suzhou“ rücken dann Yannick Barmans Trompeten-Flächen in den Vordergrund: Das Stück schleicht bedrückend vor sich hin, bis am Ende ein Solo einsetzt, das klingt, als würde der Wind selbst in einer kalten Nacht vor dem Fenster jaulen – ein Moment, der einem tatsächlich die Nackenhaare aufstellt.
Gesungen wird größtenteils auf Englisch, aber sobald Blixa Bargelds deutscher Akzent hervortritt, versucht er ihn erst gar nicht zu verstecken – bei „Nonsense Rock’n’Roll“ nuschelt er die namensgebende Phrase wie ein grantiger alter Mann, der über die laute Jugend von heute schimpft.
Mit „Bull Whip“ wechselt dann leise das Personal, und der Sound driftet Richtung Ambient, Jazz und Hip-Hop: ein schleppender Trip-Hop-Beat, verschlungene Bläserlinien und mittendrin schleicht sich die neue Stimme ein. Der Übergang zu Black Cracker gelingt fließend statt abrupt und gibt dem Album den Biss, den es jetzt braucht.
Auch „Leaping Bull (Chicago)“ und „The Running Of The Bulls“ setzen auf Rap, schwirrende Trompeten und harte Drums – Songs, die ordentlich Wucht entwickeln.
Laut Pressetext ist „Suzhou / It’s All The Rage“ auch explizit als Diptychon gedacht: zwei eigenständige Hälften, gehalten von derselben musikalischen Architektur aus Trompete, Schlagzeug und Elektronik. Auf Vinyl bekommt das Album zwei eigene Plattenseiten, auf CD und im Streaming verschmilzt alles zu einem durchgehenden Fluss.
Einziges Ärgernis: Mit 35 Minuten ist die Platte fast zu kurz, um sich in diesem Klanggewirr wirklich einzurichten. Dafür zeigt sie eindrücklich, was passiert, wenn drei sehr unterschiedliche Handschriften aufeinander prallen: seltsam, abstrus, und trotzdem – oder gerade deshalb – große Kunst.
