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Nozinja (Credit Chris Saunders)

Nozinja – Nozinja Lodge – Hyperaktive Afro Futuristik

„Ah, Shangaan-Electro!“ Vor meinem geistigen Auge sehe ich bärtige Szene-Hipster wissend nickend. Denn spätestens seit dem 2010 auf dem entdeckungsfreudigen Londoner Label Honest Jon’s erschienen Sampler „ Shangaan Electro: New Wave Dance Music from South Africa“ ist man natürlich längst schon im Bild.

Obwohl einigermaßen Afro-Sound erprobt, muss ich für meinen Teil allerdings gestehen, dass da bei mir eine Lücke existierte und Nozinja’s „Nozinja Lodge“ meine erste Berührung mit Shangaan-Electro ist. Irgendwie habe ich allerdings auch die Vermutung, dass ich da nicht der Einzige bin. Aber keine Panik. Selbst in Süd-Afrika hat anscheinend auch noch nicht jeder davon gehört. Deshalb erstmal der Reihe nach.

Shangaan-Electro ist ein lokaler Musikstil, der in den Nuller-Jahren in der südafrikanischen Provinz Limpopo entstand. Treibende Kraft und quasi Erfinder ist Richard Hlungwani, aka Nozinja. Der hatte, nachdem seine kleine Kette von Handy-Reperaturshops gut lief, 2004 angefangen sich intensiver mit Musik zu beschäftigen. Er besorgte sich die nötigen MIDI-Gerätschaften und begann traditionelle Shangaan-Folklore mit Kwaito, House, Minimal Elektronik, Disco und noch ein paar anderen Zutaten zu kombinieren. Und das alles in recht zügigen BPM-Tempi. Seine Veröffentlichungen gelangten mit der Zeit auch an europäische Ohren und dies führte zu der schon erwähnten Compilation. Mittlerweile hat sich Shangaan-Electro zu einer ganzen Szene entwickelt. Mittelpunkt ist immer noch Nozinja, der inzwischen auch andere Musiker produziert. Somit ist es ihm also gelungen, ein ganzes Musikgenre, inklusive Wikipedia-Eintrag zum Thema, selbst zu erfinden.

Und damit sind wir dann endlich bei „Nozinja Lodge“ angelangt, Nozinja’s erstem regulären Longplay-Album. Erschienen auf dem Elektronik-Klassiker Label Warp. Kleiner Einschub doch noch: Ich hab‘ mir inzwischen auch die Compilation angehört und Shangaan-Electro ist wirklich ein ziemlich eigenes Biotop. Irgendwie lässt sich diese überdrehte Stilmixtur mit nichts so direkt vergleichen. Immer wieder tauchen in diesem Kaleidoskop kleine stilistische Bausteinchen auf, die einen an irgendetwas erinnern. Aber im meist rasanten Tempo der Stücke rauschen diese Bezüge so schnell an einem vorbei, dass man kaum Happy Hardcore denken kann.

Im direkten Vergleich mit diesen älteren und noch eher rauen Stücken, wirkt „Nozinja Lodge“ schon etwas polierter produziert. Und natürlich sind fünf Jahre auch eine lange Zeit, in der sich Musiker weiterentwickeln und Neues zu sagen haben. Wenn man sich das Album anhört, betritt man jedenfalls eine hyperaktive, verschroben bunte Welt aus billig klingenden Altsynthie Presetsounds, gerne mal gepitchten Vocals, schrägen Stimmsamples, ravigen vierer Kickbassdrums, afrikanischen Unisonogesängen und Melodiefetzen, die aus 16 Bit Uralt-Games zu stammen scheinen.

Das Tempo der zehn Stücke des Albums ist dabei natürlich überwiegend hoch. Um bei Stücken wie „Baby Do You Feel Me“, „Tsekeleke“ oder „Nyamsoro“ beim Tanzen mitzuhalten zu können, braucht man schon zwei ziemlich flotte Füße. Stilistisch kreiert Nozinja durch das unbekümmerte Zusammenfließen unterschiedlichster Inspirationsquellen einen ganz eigenen Cocktail. Und es funktioniert. Wollte man seine Musik in Worte übersetzen, so wäre hyperaktiv futuristischer Afrobeat zwar etwas sperrig, aber auch nicht so ganz falsch.

Auffallend ist auch, dass Nozinja weitestgehend auf den Bass verzichtet und die Stücke ihren Drive durch simple, repetitive Keyboardriffs- und Hooks erhalten. Und natürlich durch die allgegenwärtige flotte Kickbassdrum. In sich sind die Stücke schon relativ unterschiedlich. Dies kommt nicht zuletzt dadurch, dass Nozinja auf seinen Tracks mehreren Sängern und Sängerinnen aus der Shangaan-Szene das Mikro überlässt. Gegen Ende des Albums ebbt der quietschbunte Geschwindigkeitswahnsinn etwas ab. Der Albumcloser „Jaha“ hat mit seinen Marimbasounds und echter Gitarre in diesem Kontext fast schon etwas von einer Ballade.

Shangaan-Electro ist definitiv ein ganz eigener schrulliger Musikkosmos. Und „Nozinja Lodge“ führt dies auf ein neues produktionstechnisches Level. Man kann sich vorstellen, dass Shangaan-Electro live noch um einiges lebendiger und fesselnder kommt. Um das nachprüfen zu können, wird man übrigens nicht unbedingt nach Südafrika reisen müssen. Im Oktober kommt Nozinja für ein paar Dates auch nach Deutschland. Mit dabei jede Menge Tänzer, Masken und seine rasend schnellen Stücke. Ein Abend mit ihm dürfte einem direkt mehrere Gänge ins Fitnessstudio ersparen.

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