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K.I.Z (Credit Christoph Voy)

K.I.Z – oder eine Ode an den Irrsinn

Musik fängt an, wo Worte enden. Oder sie beginnen gemeinsam. Womit sonst erreiche ich einen Menschen ganz allein, an die drei Minuten lang, mit jedem Wort über die Lautsprecher direkt in seiner Denk- und Steuerungszentrale? Manche Lieder begleiten dich ein Leben lang, in deinen dunkelsten Stunden und schönsten Momenten. Viele Songs kommen und gehen, so wie ein Haarschnitt oder Kleidungsstück, das man erst lieben lernt und aus dem man irgendwann einfach herauswächst.

Britney, unsere Zeit ist vorbei! Kein Stress – so schlimm war’s nicht, aber rückblickend ist die Tatsache, mit vierzehn Jahren „Pimplegionär“ (Kool Savas) zwischen Mathe und Englisch auswendig gelernt zu haben, auch nicht unbedingt als Highlight in meinem musikalischen Lebenslauf zu verzeichnen. Ich bin mit 28 Jahren knapp über die Pubertät hinaus, habe Kafka oder Hesse auch ohne Lektürenschlüssel einigermaßen verstanden und werde auf der Straße seltenst als Vollassi beschimpft und anschließend vom Gehweg geschubst. Warum also immer noch K.I.Z.?

Der erste Blick

Ich fang mal vorne an. Münster 2010, Vainstream- Festival. Eigentlich will ich nur kurz von der Main-Stage weg und mir ´n Bier holen, als vor der kleineren Bühne, etwas abseits, gerade eine Menschenmenge im riesigen Moshpit dabei ist, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Die Schlange vor´m Bierzelt lockt höchstens noch die Engländer, und das schwarze Rednerpult mit aufgemaltem Riesenglied ist ohnehin Grund genug, mir das Schauspiel zumindest mal aus der Nähe anzuschauen. Matsch, prügelnde Fans und ein paar mir unbekannte Jungs auf der Bühne, die irgendwas mit Hurensohn ins Mikro brüllen. Eindeutig Assi, aber leider geil. Bier vergessen, Schuh verloren und spontan in alte Zeiten zurück versetzt – ich hatte Spaß.

Die Kennlernphase…

…hatten wir durch und es folgten unterhaltsame Dates bei jeder Autofahrt. Fenster auf und „Ringelpiez mit anscheißen“ über die Landstraßen gebrüllt. Immer mehr Lyrics zum Fremdschämen in fünfsilbigen Paarreimen mit legendären Hooks und sportlicher Wortakrobatik. Auf-die-Fresse-Musik oder eine Hommage an die Poesie. Meine Meinung, in diesem Fall leider etwas lost… Zwei Jahre später, ich poste „Frauen sind wie Bullen stehen auf Knüppel in die Fresse bis´de spritzt und wenn’s gefilmt wird heulen sie rum ‚Ne, des bin nicht ich‘“ aus dem Lied „Doitschland schafft sich ab“. Der erste und letzte Kommentar meiner damaligen besten Freundin: „Hör auf derartigen Scheiß zu posten, oder lass dir dein verdammtes Abitur aberkennen“. Haja, als Polizistin hat sie das etwas eng gesehen, oder den Link zu Sarrazin nicht verstanden, aber unser Verhältnis war doch etwas angeknackst.

Hahnenkampf um den Paarungsakt

„Der Mittelfinger ist ihr Lieblingswort und Gangbang ist ihr Lieblingssport“ Hashtag ‚Liebe machen‘ und so…What should I say? Ich war verliebt und in Stimmung. Zwischen sinnbefreiten akustischen Gewaltakten gegen jeden guten Geschmack und abgebrühten Wortwitzen, die dich gefesselt und sprachlos ins Laken drückten, erkennt heute sogar das ZDF, dass K.I.Z. politisch und gesellschaftskritisch auf eine Art das Land überrennt, die selbst Jeanne d`Arc zum Staunen gebracht hätte.

Fremdgehen Baby!

Songs im Radio sind eben Songs im Radio, alles chill – solange es nicht genau die Lieder sind, die man selbst für fucking Underground gehalten hat. Wer sich – wenigstens in seiner Jugend – irgendwann mal darüber definiert hat Musik zu hören, die keiner kennt/versteht und deren Interpreten lieber den Drogentod sterben, als in den Charts aufzutauchen, kennt das unangenehme Gefühl, wenn dein ganz persönlicher Hipster/Hopster/Keiner-Kennt-Ihn- Song plötzlich auf Viva läuft. Suboptimal, ganz klar. Was aber, wenn Songs mehr Message haben, als jede politische Recycling-Floskel aus dem Bundestag? Wenn endlich mal einer herausschreit, was du dir seit langem denkst? Fuck yeah! Bitte mehr Charts, ZDF und Mainstream. K.I.Z. wird salonfähig und das ist verdammt gut so. Vielleicht hört ja jemand zu. Drei Minuten lang, du Hurensohn!

Hurra die Welt geht unter“ – JA, ich will – oder das Opus Magnum

Ich will nicht nur geilen Flow, provozierende Texte und Bässe, die den Puls durch die Lautsprecher im Auto so regulieren, wie Benzos es sich gern in die Packungsbeilage schreiben würden. Ich will mehr. Ich will Musik, die mich über die paar Minuten hinaus fesselt und zum Denken anregt. Wer „Boom, Boom, Boom“ hören kann, ohne geschockt da zu sitzen und sich zu fragen, was in unserer Welt eigentlich falsch läuft, oder bei „Hurra die Welt geht unter“ nicht mit verträumtem Blick einer besseren Welt entgegen sinnt, dem fehlt wirklich „der Mut sich seines eigenes Verstandes zu verdienen“. (Kant)

Lassen wir die Kirche im Dorf. K.I.Z. ist unter der Gürtellinie, jenseits des guten Geschmacks, überheblich
und geschmacklos – mit System, aber trotzdem – oder gerade deshalb musikalisches Heiratsmaterial. Danke für den Bullshit. Danke für den Tiefsinn. Ich bin verliebt.

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