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Einen Song aufnehmen ist wie einen Schmetterling fangen – Frank Turner im Interview

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In den letzten zehn Jahren hat Frank Turner eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Nachdem er mit zwei Hardcore-Bands relativ erfolglos geblieben war, spielte er sich unter eigenem Namen von Pubs über zunehmend größere Hallen bis ins Wembley-Stadion. Die Sahnehaube on Top: Ein Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympiade 2012 vor Millionen von TV-Zuschauern. Analog dazu erreichten auch seine Alben immer höhere Chart-Positionen im Königreich.

Neben seinen griffigen Folk/Punk-Songs dürfte bei seinem Erfolg auch sein bodenständiges Auftreten eine nicht unwichtige Rolle gespielt haben. Denn trotz posher Eton-Erziehung ist Turner in Denken, Handeln und Musik der ehrliche Kumpeltyp ohne große Allüren geblieben, der den Kontakt zu seinen Plattenkäufern nie scheut.

Während die Songs seines letzten Albums „Tape Deck Heart“ das Auseinanderbrechen seiner langjährigen Beziehung widerspiegelten und dementsprechend zerknirscht, deprimiert und schwermütig waren, haben sich jetzt auf „Positive Songs For Negative People” die Depriwolken wieder verzogen. Das in Nashville live eingespielte Album zeigt den 33-jährigen wieder voller Tatendrang und Lebenslust. Wir sprachen mit Frank Turner über das Album, Krisen, Mails an diverse Hardcore-Ikonen, Erfolg und einiges mehr.

MusikBlog: „Positive Songs For Negative People” ist Dein sechstes Album. Das ist natürlich eine komplett andere Situation, als wenn man sein erstes oder zweites Album rausbringt. Nimmst Du das inzwischen abgeklärter und routinierter wahr oder bist Du bei jeder Veröffentlichung immer noch genauso nervös?

Frank Turner: Es ist eine andere Form von Anspannung. Ich glaube, ich bin befinde mich da inzwischen schon in einer etwas ungewöhnlichen Situation. Heutzutage schaffen es nicht mehr viele Bands, sechs Alben zu veröffentlichen. Deshalb ist es schwierig, da Parallelen oder Vergleiche zu finden. Ich hatte diesmal jedenfalls das Gefühl, dass ich mich noch stärker reinknien musste, um etwas Neues zu finden, so dass ich damit rechtfertigen konnte, ein Album rauszubringen. Aber ich bin inzwischen sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Und ich denke, die Platte ist um einiges besser als mein erstes Album.

MusikBlog: Die Stücke hast Du diesmal mit Deiner Band zu einem großen Teil live im Studio eingespielt, mit dem Effekt, dass die Songs einen sehr dynamisch und direkt anspringen.

Frank Turner: Das war etwas, das ich endlich mal machen wollte. Beim letzten Album haben wir ziemlich viel Zeit im Studio verbracht. Wir haben die Songs auseinander genommen und uns ein bisschen zu sehr im Aufnahmeprozess verloren. Diesmal wollte ich, dass alles viel direkter wird. Also habe ich mit den Sleeping Souls die Songs, schon bevor wir ins Studio gegangen sind, ziemlich lange geprobt. Beim Soundcheck, auf der Bühne und im Übungsraum. Und wir haben sie mehrmals als Demo aufgenommen. Wir haben also schon vorher einiges an Zeit investiert, so dass wir das Album relativ schnell einspielen konnten. Und das hat funktioniert. Wir haben die Songs wirklich live im Studio rausgehauen. Denn ich wollte diesmal den Vibe unserer Live-Shows einfangen. Etwas, das uns vorher nie gelungen ist, aber diesmal hoffentlich geklappt hat.

MusikBlog: Das ist natürlich eine ganz andere Situation. Ich kann mir vorstellen, dass dabei der Druck um einiges größer ist. Man legt mit einem Song los und es muss die definitive Version werden. Denn man weiß, dass der Song so auch noch in Jahren zu hören sein wird. Klar kann man die Aufnahme wiederholen. Aber irgendwann muss man es eben dann doch schaffen.

Frank Turner: Haha! Im Studio aufzunehmen und live zu spielen sind schon zwei verschiedene Kunstformen. Einer der Gründe, warum ich mich im Studio nicht ganz so wohl fühle ist… Weißt Du, wenn man einen Song aufnimmt, dann ist das so, als würde man versuchen, einen Schmetterling zu fangen. Und wenn man ihn hat, treibt man einen Nagel durch ihn und rahmt ihn ein. Aber Songs sind organisch und sie verändern sich jedes Mal, wenn man sie spielt. Manchmal höre ich mir Songs von meinem ersten oder zweiten Album an, weil wir sie immer noch live spielen. Und inzwischen spielen wir sie anders als in den Originalversionen. Aber der Song ist trotzdem der gleiche geblieben. Das ist ein Grund dafür, warum ich mich im Studio eher etwas unwohl fühle. Man versucht, die endgültige Version eines Songs zu konservieren, was aber eigentlich nicht möglich ist. Aber ich denke, diesmal ist uns das sehr gut gelungen.

MusikBlog: Dein letztes Album „Tape Deck Heart“ war beeinflusst von dem Auseinanderbrechen Deiner langjährigen Beziehung. In den Songs ging’s dann dementsprechend auch eher um deprimiert, elende Gefühlsaspekte. „Positive Songs For Negative People“ strotzt dagegen vor Überlebenswillen und Kraft. Kannst Du Dich noch an den emotionalen Wendepunkt erinnern, als bei Dir das Gefühl langsam einsetzte, „Ok, ich hab’s durchstanden. Jetzt geht’s weiter!“?

Frank Turner: Ich glaube ja. Der Moment, in dem ich für mich die Arbeit an einem Album abschließen kann, ist der, wenn das Mastering erledigt ist und das Album dann in die Herstellung geht. Vieles in meiner Kunst ist in zu einem bestimmten Grad ein kathartischer Prozess. Und bei „Tape Deck Heart“ war es das in einem besonderen Maß. Als ich das Album fertig hatte, der Mix, das Mastering und alles andere erledigt war, hatte ich das Gefühl „Hey cool! Jetzt kann es weitergehen!“ Ich habe mich dann aber auch nicht bewusst hingesetzt und gesagt „Schreib mal ein paar Songs über das Überleben, Durchstehen und so etwas!“. Sie kamen ganz von selbst. Es war so ein befreiendes Gefühl. So etwas wie „Ich bin endlich raus aus der Scheiße. Ich lebe und es geht weiter!“

MusikBlog: Das eigene Gefühlsleben ist natürlich bei vielen Künstlern ein Teil des Kapitals. Aber schon komisch, wenn man in seinen Songs seine Gefühle öffentlich ausbreitet und dann auch noch in Interviews darüber sprechen muss.

Frank Turner: Ja, das kann schon sein. Aber natürlich steckt man ja auch nicht sein Gefühlsleben komplett in einen Song. Sie sind in der Beschreibung der Emotionen schon präzis, aber nicht im konkreten Bezug auf mein persönliches Leben. Ich setzte mich nicht hin und erzähle haargenau, was in meinem Privatleben vor sich geht. Ich möchte aber auch, dass das, was ich mache, Bedeutung hat und auf der emotionalen Ebene Resonanz findet. Der Kniff bei großem Songwriting ist eben, dass sich viele unterschiedliche Menschen zu gleichen Teilen emotional angesprochen fühlen können. Aber das ist etwas, das man nicht erreicht, indem man sich bewusst hinsetzt und versucht, so etwas zu schreiben. Man kann das nicht erzwingen. Das käme zu gekünstelt. Ich versuche aber, so realistisch wie möglich zu sein, ohne zu sehr ins Persönliche zu gehen.

MusikBlog: Mal ausgehend vom Albumtitel: Bist Du eigentlich mehr auf der optimistischen Seite oder auf der pessimistischen?

Frank Turner: (lacht) Keine Ahnung. Aber ich sage immer, dass ich ein Pessimist bin, der sich gern angenehm überraschen lässt.

MusikBlog: Eigentlich hättest Du ja schon mehr Grund zum Optimismus. Seitdem Du als Musiker unter deinem eigenen Namen unterwegs bist, ist es für Dich immer weiter nach oben gegangen. Das, was viele gute Bands und Musiker versuchen, ist Dir geglückt. Hast Du mal in einer intimen Stunde darüber nachgedacht, warum es gerade bei Dir geklappt hat?

Frank Turner: Das ist schon ziemlich wahr. Aber ich denke darüber nicht allzu viel nach. Zum einen, ist es mir zu viel Zeitaufwand, nur um selbstreferenziell über so etwas nachzudenken. Und zum anderen, egal was es ist, was ich mache, es funktioniert. Und ich möchte das nicht ruinieren, indem ich es zu sehr analysiere. Es hat mit harter Arbeit zu tun und vieles auch mit Glück. Und natürlich gibt es einige Leute, die meine Songs mögen und zu meinen Shows kommen. Aber ich überlasse es lieber anderen Leuten, darüber nachzudenken. Ich möchte nicht da nicht zu viel in mir rumanalysieren.

MusikBlog: Und generell gefragt: Was bedeutet für Dich Erfolg?

Frank Turner: Erfolg zu haben, bedeutet natürlich schon etwas. In erster Linie ist es schön, keinen anderen Job machen zu müssen. Aber etwas in mir verspürt auch Genugtuung. Als ich jung war, habe ich meinen Freunden und meiner Familie ständig erzählt, dass ich als Musiker durch die Welt touren möchte. Alle haben nur gelacht und gesagt „Du bist ein Idiot!“. Und weißt Du was? Ich hab’s geschafft! (lacht). Erfolg bedeutet für mich, dass ich Musik machen und reisen kann. Alles andere ist für mich zweitrangig.

MusikBlog: Was für Dich nicht zweitrangig ist, sind die Käufer Deiner Platten. Sie sind natürlich auch diejenigen, die es Dir ermöglichen als Musiker zu leben. Du bist ein eifriger Twitterer, postest ständig auf Facebook, beantwortest E-Mails und bist auch bei den Konzerten sehr offen und kontaktfreudig.

Frank Turner: Wie Du schon gesagt hast, es ist die Tatsache, dass es mir nur möglich ist so zu leben wie ich lebe und das zu tun was ich tue, weil es diese ganzen Leute gibt, die sich dafür interessieren, was ich mache. Wenn ich das ignorieren und mich weigern würde, mit ihnen Kontakt zu haben, dann wäre das einfach flegelhaft. Fuck! Als ich jung war, habe ich mal Henry Rollins eine Mail geschickt. Er hat mir geantwortet. Ich habe Guy Picciotto von Fugazi geschrieben. Er hat mir auch geantwortet. Und ich habe Chris Hannah von Propaghandi eine Mail geschickt. Auch er hat mir zurückgeschrieben. All das hat für mein Leben eine große Bedeutung gehabt. Es war für Henry Rollins wahrscheinlich nur eine kleine Sache, mir zu antworten, aber das, was er damit bewirkt hat, war für mich schon ziemlich groß. Wie man sieht, spreche ich auch nach Jahren immer noch darüber. Und wenn ich das Leben von anderen Menschen genauso beeinflussen kann, dann ist das schon eine gute Sache. Wobei ich mich natürlich nicht mit Henry Rollins vergleichen möchte.

MusikBlog: Du warst in Eton und hast an der London School Of Economics Deinen Abschluss in Europäischer Geschichte gemacht. Dein Leben hätte also auch komplett anders verlaufen können. Warum ist es dann doch in diese Richtung gegangen?

Frank Turner: Musik ist das Einzige, das mir etwas bedeutet. Und das ist die absolute Wahrheit! Wenn ich über Musik nachdenke, empfinde ich eine tiefe Leidenschaft. Und das war schon immer so. Nichts anderes in meinem Leben kommt da auch nur im Entferntesten ran. Manchmal werde ich gefragt, was ich machen würde, wenn ich kein Musiker wäre. Die Antwort ist: Ich würde versuchen, ein Musiker zu sein. Alles andere in meinem Leben ist Schwarz und Weiß. Musik ist in Farbe.

MusikBlog: In Deinen Texten beziehst Du auch nicht selten Stellung zu politischen oder gesellschaftlichen Themen. Alte Frage: Kann man durch Musik im Denken der Hörer eigentlich wirklich etwas bewegen?

Frank Turner: Ja, ich denke, das hat schon einen Einfluss. Allerdings muss man vorsichtig sein und darf sich da keinen allzu großen Illusionen hingeben. Die Leute denken zum Beispiel immer, dass die Musik in den Sechzigern die Welt verändert hat. Aber eigentlich war sie nur der Soundtrack zu einer sich verändernden Welt. Was natürlich auch sehr sinnvoll und wichtig ist, aber es ist eben nicht dasselbe. Aber es gibt Musik, die Einfluss auf mein Denken gehabt hat. Ich glaube, das funktioniert mehr auf der persönlichen Ebene, als auf der allgemein gesellschaftlichen.

MusikBlog: Du hast Einiges geschafft, von dem viele andere Bands oder Musiker nur träumen. Gibt es noch Ziele, die Du erreichen möchtest?

Frank Turner: Absolut! Ich möchte mich als Songwriter noch weiterentwickeln. Ich möchte noch in den Ländern spielen, in denen ich noch nie war. Und ich möchte noch einiges ausprobieren. Ich habe zum Beispiel noch nicht sonderlich viel mit anderen Musikern zusammengearbeitet. Das würde mich schon sehr reizen. Ich denke ständig über neue Sachen nach. Es ist für mich einfach uninteressant, mich zu wiederholen.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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