Das fünfte Album der aus San Diego stammenden Wavves heißt schlicht “V”, das Cover wird geziert von der Tarotkarte “Fünf der Kelche”. Deren Bedeutung liest sich laut Kartenleserhandbuch so: “Trauerarbeit und Vergangenheitsbewältigung. Arbeite Deine Gefühle und Enttäuschungen ruhig auf. Stelle Dein inneres Gleichgewicht wieder her. Konzentriere Dich danach wieder auf Dein Wachstum und Dein Gedeihen (…) Diese Karte will uns Mut machen, dass wir schon bald wieder die Brücke überschreiten werden, um wieder unser Leben fest in die Hand zu nehmen. Wenn die Gefühle verarbeitet sind, erkennen wir auch wieder den Reichtum der verbliebenen 2 Kelche, die uns wieder neue Kraft gewinnen lassen.”

Puh, harter Tobak. Trauerarbeit, Vergangenheitsbewältigung, Brücken überschreiten – offensichtlich war in den letzten Jahren einiges los bei den kalifornischen Punk-Poppern. Dabei kann man Wavves, das Bandprojekt von Mastermind Nathan Williams, durchaus als Erfolgsgeschichte sehen: Von den Lo-Fi-Anfängen anno 2008 über von Kritik und Fans gleichermaßen gefeierte Alben wie “Wavves” und “Wavvves” (ja, Wavves sind Witzbolde, auf ihre ganz spezielle Weise) ging es bisher eigentlich nur nach vorn und oben – abgesehen von alkohol- und drogeninduzierten Zwischenfällen bei Konzerten, für die sich Williams jedesmal pflichtbewusst entschuldigte. Das Publikum hat Nathan Williams bisher alles verziehen, und auch wirtschaftlich gesehen können Wavves nicht klagen, schließlich sind sie bei einem Majorlabel gelandet, das auch in Alternative-Kreisen einen guten Ruf genießt.

Auf “V” legt Nathan Williams alle Gefühlsabgründe offen – und begegnet dunklen Momenten mit überschäumendem Power-Punk-Pop im Geiste von NOFX oder Lag Wagon. Brachiale Antidepressiva, sozusagen. Die Lyrics sprechen von Leid, Einschränkungen, Krankheiten (“Heart Attack”), Kopfschmerzen (mehrfach), die Musik brettert ungestüm und ohne Rücksicht auf Verluste darüber. Das ist Punkrock – durchaus mit melancholischer Note: Gleich im Opener “Heavy Metal Detox” sinniert Williams darüber, ob er wohl schon zu lange auf der Welt ist; lebenslustiger und hoffnungsvoller wird es im fun-punkigen “Pony”: “It’s getting better”, singt er da und man grölt fröhlich mit.

Wavves feiern ihre Vorbilder, ohne sie zu stark zu kopieren: Das quirlige “Flamezesz” trägt Pixies-Spuren in sich, lauernd, dunkel und wild; in anderen Stücken wie z.B. “Box Elder” lassen sich gepflegtere Indie-Anmutungen à la Pavement ausmachen. Nathan Williams weiß, dass es eine gefährliche Welt da draußen ist – oft genug hat es ihn schon umgeworfen. Mit seinen Wavves-Kumpels guckt er in die Tarotkarten und zieht seine Schlüsse: Das Leben fest in die Hand nehmen, neue Kraft gewinnen, los geht’s!

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