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Antilopen Gang (Credit Puls/Bayrischer Rundfunk)

Irgendwann wird’s natürlich albern – Antilopen Gang im Interview

Der nationale Hip-Hop-Durchbruch mit ihrem Label-Debüt „Aversion„, unzählige gefeierte Konzerte, ein denkwürdiger Tagesschau-Auftritt, sowie ein Free Download-Mixtape („Abwasser“) kurz vor Weihnachten: Die Antilopen Gang hat ein ziemlich fettes Jahr hinter sich. Kurz vor Toresschluss setzen die hibbeligen Rheinländer sogar noch einen Tour-Nachschlag obendrauf und waren gestern beim PULS Festival zu Gast. Die Stimmung könnte also nicht besser sein, als wir uns mit MC Koljah zum Gespräch verabreden.

MusikBlog: Hi Koljah, euer neues Mixtape „Abwasser“ steht jetzt seit knapp zwei Wochen zum Free Download bereit. Wie sind denn bisher so die Reaktionen?

Koljah: Durchweg positiv. Das Mixtape ist ja aber auch ein Geschenk von uns für unsere Fans, die uns nun schon seit Jahren derbe unterstützen. Es gab weder Promo noch irgendwelche Ankündigungen im Vorfeld. Und wie sagt man so schön: Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Über Geschenke freut man sich einfach nur. Und genau das passiert momentan. Die Leute freuen sich einfach darüber, dass wir ihnen kurz vor Jahresende noch etwas for free zur Verfügung stellen.

MusikBlog: Ein feiner Zug, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass ihr ja im vergangenen Jahr erstmals einen Labelvertrag unterschrieben habt. Da gab es ja dann doch schon einige „ängstliche“ Stimmen zu hören, die da meinten, nun sei es vorbei mit der DIY- und For Free-Attitüde der Band.

Koljah: Ja, das haben wir natürlich auch mitbekommen. Mit „Abwasser“ wollten wir einfach ein Zeichen setzen. Sicher, wir haben jetzt ein Management, eine Booking-Agentur und ein Label im Rücken. Aber am Ende des Tages entscheiden immer noch wir, was geht und was nicht. Und wir hatten im Sommer einfach Zeit und Lust ein paar neue Songs zu schreiben. So ganz ohne Druck. Das haben wir dann auch gemacht. Und da wir immer noch das letzte Wort haben, haben wir uns dafür entschieden, das Material einfach so rauszuhauen. Ganz einfach.

MusikBlog: Warum habt ihr euch im vergangenen Jahr überhaupt für den Label-Weg entschieden? Mit welchen Umständen wart ihr unzufrieden? Was wolltet ihr ändern?

Koljah: Naja, es ging dabei um ganz klassische Dinge. DIY ist ja schön und gut. Und wir stehen da heute auch noch total hinter dem Grundgedanken. Aber wenn man sich als Band entwickelt, alles immer größer und fetter wird, und man irgendwann vor lauter organisatorischer und logistischer Hürden, die kreative Arbeit zunehmend aus den Augen verliert, dann sollte man schon einen Schlussstrich ziehen. Und das haben wir dann gemacht. Wir wollten uns einfach wieder auf das konzentrieren, was uns wichtig ist: die Musik. Und das kann man irgendwann einfach nicht mehr so richtig, wenn man sich zeitgleich auch noch um das ganze Drumherum kümmern muss.

MusikBlog: Ich denke, ihr habt da den perfekten Zeitpunkt für abgepasst. 2015 war ja jede Menge los bei euch. Mein persönliches Antilopen Gang-Highlight war ja euer Auftritt in Freital. Wie sieht’s bei dir aus? Kannst du dich an einen Moment erinnern, der neben all den Höhepunkten in diesem Jahr besonders herausragte?

Koljah: Das Konzert in Freital war auf jeden Fall eine ganz krasse Erfahrung für uns. Ich meine, ein paar Wochen vorher standen wir bei „Rock Am Ring“ auf der Bühne. Und dann stehen wir plötzlich in Freital auf einem Podest und spielen vor einem Flüchtlingsheim. Das war schon heftig. Der Tagesschau-Auftritt war natürlich auch ne große Nummer. Aber ich denke, alles in allem war es das große Ganze. Es war einfach ein Jahr, in dem so viel passiert ist. Da kann man sich nur schwer irgendwelche Highlights rauspicken. Ich glaube auch, dass wir das alles noch gar nicht so richtig verarbeitet haben. Das dauert noch eine Weile. Wir werden nach der Tour im Dezember auch erst einmal eine kurze Pause einlegen – zumindest Live.

MusikBlog: Wie lange hat es denn seinerzeit gedauert über den Frust hinwegzukommen, eine Band zu sein, die permanent bravourös abliefert, aber nicht so richtig durchstartet. Hattet ihr da lange dran zu kauen?

Koljah: Es war phasenweise schon ziemlich hart. Ich meine, wir wussten schon lange vor dem „Aversion“-Durchbruch, dass wir gute Arbeit abliefern. Aber es passierte halt wenig. Da gab es dann natürlich auch viele Momente, in denen wir Frust geschoben haben. Ich würde jetzt nicht behaupten, dass ich verbittert durch die Gegend gelaufen bin. Aber es war mitunter schon heftig. Mittlerweile sind wir natürlich alle happy und glücklich (lacht).

MusikBlog: Reitet ihr auch deswegen immer noch ganz gerne auf dieser Outsider- und Loser-Welle rum?

Koljah: Klar, da steckt ja auch eine Geschichte dahinter. Sicher, wir überspitzen viel und suhlen uns gerne in Ironie. Aber wer uns kennt, der weiß, dass so gewisse Eckdaten in unseren Texten vor gar nicht allzu langer Zeit noch zu unserem Alltag gehörten. Das ist auch schon alles irgendwie authentisch. Man muss natürlich die Fähigkeit besitzen, auch zwischen den Zeilen lesen zu können.

MusikBlog: Je größer eine Band wird, desto schwieriger wird es, eine gewisse Außenseiterrolle zu vertreten. Nervt es euch, euch dahingehend immer wieder erklären zu müssen?

Koljah: Nein, gar nicht. Das machen wir gerne. Es kommen ja immer wieder neue Leute dazu. Die wollen natürlich auch wissen, warum, wieso und weshalb wir so ticken, wie wir ticken. Da haben wir kein Problem mit.

MusikBlog: Was macht euch denn Probleme? Gibt es irgendetwas, das die Antilopen Gang ins Stolpern bringt?

Koljah: Naja, man muss natürlich schon aufpassen, dass man dieses Loser-Image nicht allzu sehr ausreizt. Irgendwann wird’s dann natürlich albern. Aber das haben wir schon alles auf dem Schirm.

MusikBlog: Ihr habt in diesem Jahr vor allem Live ordentlich Gas gegeben. Im Dezember steht eine erneute Tour ins Haus. Seit zwei Wochen schwebt aber auch ein dunkler Schatten über den Konzerthallen dieser Welt. Stichwort Paris: Ihr standet an jenem Abend selbst auf der Bühne. Wie geht ihr seither mit der Live-Situation um? Was hat dieser furchtbare 13. November mit euch gemacht?

Koljah: Wir waren natürlich auch alle total schockiert. Ich kann mich noch erinnern, wie wir Backstage alle völlig ohnmächtig vor dem Fernseher saßen.

MusikBlog: Während draußen Fettes Brot spielten.

Koljah: Genau.

MusikBlog: Einen Tag später standet ihr erneut auf der Bühne.

Koljah: Ja, und das war uns auch wichtig. Wir sind da so gepolt wie die meisten anderen Kollegen auch. Soll heißen: Jetzt erst recht! Das war ja nicht nur ein barbarischer Angriff, der einzelnen Menschenleben galt. Das war viel mehr. Diese kranken Hirne wollen eine ganze Lebensart in die Knie zwingen. Und dem kann man als Künstler und Musiker, glaube ich, nur so begegnen, in dem man einfach weitermacht. Alles andere würde diesen Fanatikern nur in die Karten spielen.

MusikBlog: Sehe ich auch so.

Koljah: Top.

MusikBlog: Vielen Dank für das Interview.

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